ChaosB99 schrieb:
Das Hirn benutzen bezog sich mehr auf das sich hier abzeichnende Snowboard/Schi-Bashing und im allgemeinen auf das Verhalten unserer Vollkasko-Gesellschaft. Und ja ich weiss wovon ich rede. Ich habe täglich damit zu tun...
Mit der immer stärker zunehmenden Vollkaskomentalität hast Du sicher recht - gerade beim Schisport kommt aber noch etwas anderes hinzu: der wird heute ganz anders verkauft und wahrgenommen, als es noch vor 20 Jahren der Fall war.
Da hat einem niemand erzählt, nach einer Woche Schikurs könne man Schi fahren. Es gab keine Zauberteppiche etc. - das Erste, was man lernte, war der Brettelsschritt, um den Hang hochlaufen zu können - und bevor man nicht den Pflugbogen konnte, war mit Liftfahren eh nichts drin. Außerdem gab es keine beheizten Sessel, viel mehr Schlepper und erst recht keine Carving-Schi. Es war also alles viel mühsamer und anstrengender als heute, so war aber jedem auch von Anfang an klar, dass Schifahren ein Sport ist, der ein gewisses Maß an Können, Erfahrung und Umsicht erfordert.
Nicht, dass ich gegen den Fortschritt wäre - im Gegenteil. Das Problem ist aber, dass heute alles so viel leichter und komfortabler scheint und grundlegende Fähigkeiten nicht mehr erworben werden. Dank der Carver können ja viele schon nach wenigen Tagen Schikurs wie ein Vollidiot die Pisten runterrasen (Motto: Ich hab ja einen Helm auf, deshalb passiert mir nichts). Man kommt dank der modernen Bahnen schnell und komfortabel auf die steilsten Pisten, wo früher eine anstrengende Schleppliftfahrt nötig war. Dies alles führt dazu, dass viele ihr Können komplett überschätzen und sich so eben auch in Gefilden rumtreiben, wo sie absolut nichts zu suchen hätten.
Diese Problematik wird dann noch verstärkt durch Marketing-Gags wie z.B. die Harakiri-Abfahrt. Da steht dann oben so ein tolles Totenkopfschild und wer diesen Hang, der ja wirklich sehr kurz und nicht sonderlich schwer ist, mal gefahren ist, hält sich für das Schiass schlechthin und wird sich daher zukünftig von keiner Warntafel mehr beeindrucken lassen. Warum auch, er ist ja Harakiri-Finisher. So ähnlich ist das auch mit dem Höhenmeter-Wahn - wessen wichtigstes Ziel es ist, an einem Tag so viele Höhenmeter wie möglich zu sammeln, um seine Höhendiagramme dann am besten noch gleich aus dem Lift via Smartphone in die Welt zu twittern, der passt doch eher in einen Erlebnispark als in die freie Natur.
Wenn man den Menschen diesen Unterschied zwischen einem hundertprozentig abgesicherten Erlebnispark und der freien Natur, zwischen Vollkaskomentalität und Eigenverantwortung, mehr ins Bewusstsein rufen würde, wäre schon viel gewonnen und vieles, was heute passiert, würde nicht mehr vorkommen. Damit wird es aber nichts werden, denn der Trend zur Eventisierung des Bergsports geht ja unaufhörlich weiter.