Pilatus schrieb:
Also ich glaube kein seriöser Wissenschaftler bezweifelt dass SARS-CoV2 deutlich häufiger zu schweren Verläufen führt als eine normale Grippewelle. Das sieht man ja am besten am Ende der Fahnenstange, auf den Intensivstationen. Weder in diesem noch in den vergangenen Wintern gab auch es nur im Ansatz so viele Grippe (Influenza)-Patienten auf den Intensivstationen wie es im März/April Corona-Patienten gab. Und das trotz Massnahmen.
Im Falle einer (sehr) schweren Grippewelle hätte man übrigens auch so reagiert. Oder was meinst du würde bei einer Grippewelle mit Ausmass der spanischen Grippe passieren?
Dass Covid-19 schwerere Auswirkungen hat als vorherige Grippewellen ist eine absolut legitime Interpretation des aktuellen Kenntnisstandes. Dass alle Wissenschaftler dies so sehen, trifft nicht zu, Du findest zahlreiche Virologen, die hier eine andere Auffassung vertreten. Je unklarer die Datenlage, desto größer ist der Interpretationsspielraum. Und ja, ich habe auch die Berichte von Ärzten gelesen, die berichteten, dass ihnen dergleichen zuvor noch nie in ihrer Karriere untergekommen ist.
In Deutschland waren die Intensivstationen der Krankenhäuser zu keinem Zeitpunkt der Grippewelle überlastet. Nicht vor oder während dem Lock-Down und danach auch nicht. In anderen Ländern gab es bei früheren Grippewellen auch schon
Zelte und eine Triage, nur hat man davon in der Regel nichts mitbekommen, weil darüber in der internationalen Presse nicht in dieser Breite berichtet wurde. Auch in
Italien (ggf. durch google translate übersetzen).
Die Spanische Grippe fand unter ganz anderen Voraussetzungen statt. Es gab damals nicht einmal Antibiotika. Die helfen zwar auch nicht gegen Viren, aber gegen die bakterielle Form der Lungenentzündung, die gerne als Begleiter einer Infektion der Atemwege auftritt. Einmal ganz abgesehen von dem desolaten Zustand des Gesundheitswesens generell vor 100 Jahren und erst recht nach dem ersten Weltkrieg.
Generell spielen auch bei Covid-19 der Zustand des Gesundheitswesen, Behandlungsmethoden und -fehler sowie Armut in der Gesellschaft eine Rolle.
Ich selbst halte Covid-19 auch für mindestens ebenso gefährlich wie eine schwere Grippewelle. Vielleicht auch sogar in der Kombination von Ansteckung, Häufigkeit von Komplikationen bis hin zum Tod sogar gefährlicher. Aber ohne exakte Zahlen ist das alles nur Kaffeesatzleserei. Ich habe ich nun auch schon ein gewisses Alter erreicht und zähle vielleicht auch sogar zu der Gruppe mit einem erhöhten Risiko. Andererseits ist meine Werksgarantie schon vor über 20 Jahren abgelaufen. Jedes weitere Jahr ist ein Geschenk. Ich möchte aber nicht den Rest meines Lebens mit einem fortdauerndem Alarmismus leben, der keine Zwischentöne zulässt, nur Gut und Böse kennt, nur Freund und Feind und dem es zuweilen an wissenschaftlicher Evidenz mangelt und in dessen Zuspitzung viel zu oft Mutmaßungen mit Fakten verwechselt werden.
wmenn schrieb:
Bei Corona (aber auch Influenza mit 0,1-0,2%) heißt es dann "keine Panik, sind doch nur 0,1%".
Mich würde mal interessieren, was ein Psychologe dazu sagt. Da werden doch wohl Gefahren ganz verschieden wahr genommen.
Ich bin zwar kein Psychologe. Aber ich kenne mich so weit mit Mathematik aus, dass ich Dir Deinen Fehler erklären kann.
Die Unfallstatistiken beispielsweise zu Verkehr beziehen sich z.B. auf die Anzahl der Getöteten in Relation zu den gefahrenen Personenkilometern.
Die Letalität einer Grippewelle bezieht sich auf die (angenommene) Anzahl der Infizierten. Die CFR auf die Zahl der tatsächlich nachgewiesenen Infektionen. Nun dauert eine Grippewelle aber nicht ein ganzes Jahr und es infizieren sich auch praktisch nie 100% der Bevölkerung. Du musst also die entsprechenden Korrekturfaktoren noch auf Deine 0,1% anwenden und dann auch noch Dein Alter sowie Deinen Gesundheitszustand mit in die Überlegungen einbeziehen.
Bei der Grippewelle 2017/18 errechnete das RKI eine Zahl von ca. 25.000 Todesopfern und eine CFR von 0,5%. Ich finde gerade keine Angaben zur Letalität, aber in Relation zu 80 Millionen Deutschen lag das Risiko 2017/18 an der Grippe zu sterben nach diesen Zahlen bei 0,03%
Das ist nun einmal das normale Lebensrisiko. Wenn Du nicht durch einen Autounfall ums Leben kommen möchtest, dann kannst Du ja aufs Autofahren verzichten. Bei der Grippe funktioniert das nicht, deswegen wird das Risiko wohl im allgemeinen akzeptiert. Durch individuelles Verhalten kannst Du ja Dein Risiko mindern. Durch die Teilnahme an der jährlichen Schutzimpfung und, vielleicht noch wichtiger, durch eine regelmäßige Impfung gegen Pneumokokken. Und natürlich helfen Sport und Bewegung, um auch im Alter besser mit einem Infekt fertig zu werden.
Und eine optimistische Grundhaltung kann auch nicht schaden. Denn wenn es einen am Ende doch trifft, dann hat man wenigstens vorher gelebt.
Edit: Typo