Fab schrieb:
Habe nicht nur auf die vorhandenen ideologischen Gräben hingewiesen - bin ja auch konkret geworden (Immobilienbeispiel/Sozialtransfers 996Milliarden).
Stimmt, bist du, leider verbunden mit dem unangemessenen Verweis auf "ihr" (wer bitte soll das sein?):
Fab schrieb:
Die Sozialquote am BIP liegt bei ca. 30%. Letztes Jahr betrug die soziale Umverteilung 996 Milliarden € - was wollt ihr denn noch?
Du beziehst dich anscheinend auf die Sozialleistungsquote in D. Dann schauen wir mal genauer hin. Sie lag 2017 bei 966 Mrd. €. Und wofür?
- 741 Mrd. € (76%) Versicherungsähnliche Leistungen (Renten-, Kranken-, Arbeitslosen-, Unfall-, Pflegeversicherung, Sonstige), auf die durch Beitragszahlung individuelle Ansprüche entstehen
- 89 Mrd. € (9%) Grundsicherung, Sozialhilfe u.ä.
- 78 Mrd. € (8%) Öffentlicher Dienst (Pensionen, etc.)
- 52 Mrd. € (5%) Familienförderung (Kinder- und Elterngeld)
- 44 Mrd. € (5%) Kinder-/Jugendhilfe
(Beträge und Quoten gerundet, Quelle: Statistisches Bundesamt, Statistisches Jahrbuch 2019)
Also 84% der Sozialleistungsquote sind Leistungen, von denen der Beitragszahler selbst profitiert (76% Versicherungsleistungen, 8% indirekte Kosten öffentlicher Leistungen). Damit ist die Sozialleistungsquote als Umverteilungsindikator doch völlig ungeeignet. Die Ausgaben für Grundsicherung liegen lediglich bei 3% vom BIP.
Fab schrieb:
Unkonkret Vemögen anderer Leute verteilen ist halt bequem dahergesagt.
Ich räume gern ein, kein fertiges Rezept zu haben. Das liegt allerdings weniger an Bequemlichkeit als daran, dass ich nicht Teil der aktiven Politik bin und deshalb etwas andere Prioritäten habe. Aber mal ein paar Ansätze:
Einkommen und Vermögen ist aus meiner Sicht nicht Selbstzweck, sondern hat eine gesellschaftliche Funktion. Die Allmende funktioniert nicht und Marktwirtschaft mit möglichst frei entscheidenden Akteuren ist jedem zentralistischen Dirigismus überlegen, was Effizienz angeht. Für den Schutz schwacher Teilnehmer sorgt sie dagegen nicht. Ebensowenig schützt sie Demokratien vor einer problematischen Machtkonzentration durch Anhäufung großer Vermögen.
Eine gut funktionierende Gesellschaft braucht einen effizienten und effektiven Staat, der Würde, Freiheit und Teilhabe für alle gewährleistet, indem er Rahmenbedingungen schafft und durchsetzt. Im Kern geht es um geschickte Anreizsysteme: Belohnt wird, was der Gesellschaft (und Umwelt) nützt, belastet wird, was ihr schadet. Und da haben wir schlicht Nachholbedarf.
Fab schrieb:
Zur Immobilie ein Beispiel aus dem wirklichen Leben und nicht aus dem für sozialistische Umtriebe:
Deine Immobilie erfährt eine meinetwegen deutlich Wertsteigerung binnen 5 Jahren von sagen wir 25% = 100.000€. Die Restlaufzeit deines Baukredits ist noch 15 Jahre.
Du willst aber schlicht drin wohnen. Willst du zum Verkauf gezwungen werden, nur um eine Wertsteigerungssteuer bezahlen zu müssen? Das soll gerecht sein?
Nö, so muss es aber auch nicht sein: Selbstgenutztes Immobilienvermögen lässt sich ohne Verkauf besteuern. Es gibt Alternativen, die jetzt schon praktiziert werden, wie die Umkehrhypothek oder Immobilienverrentung.
Fab schrieb:
Oder hast du gar die Idee Betriebsvermögen umzuverteilen?
Bei Betriebsvermögen könnte der Staat als stiller Teilhaber auftreten, so dass sich am Bestand zunächst nichts ändert. Kein Grund also, diese steuerlich zu privilegieren oder feudale Konzentration zu ermöglichen.
Fab schrieb:
Bitte nicht zu vergessen, es sind die Leute die was schaffen, die viele Gewerke bezahlen und damit am Leben halten. Wenn die entmutigt werden, dann kommt es zu Ausweichverhalten.
Völlig einverstanden. Funktionierende Anreizsysteme sind notwendig. Nicht jeder kooperiert allein aus innerem Antrieb. Es ginge mir darum, Anreize so zu steuern, dass gesellschaftlich erwünschte Effekte eintreten:
- Schlaue Ideen oder größerer Einsatz für eine gute Sache: Wer damit reicher wird, liebend gern (allerdings bitte nicht beliebig reich, wegen dann problematischer Machtkonzentration).
- Was auch ohne drohendes Ausweichverhalten ordentlich bezahlt gehört: Leistungen am Menschen (Pflege), Erntehelfer, Paketzusteller, Gastronomiekräfte, uvm.
- Was abgeschöpft gehört: Betriebsgewinne durch Ausnutzung prekärer Arbeitsverhältnisse (siehe Schlachthöfe aktuell), leistungsloser Vermögenszuwachs bei Immobililen (z.B. nach Aufwertung eines Stadtteils durch Bau einer U-Bahn-Linie, oder durch Spekulation in Innenstadtlagen mit jahrelanger Nichtnutzung), etc.
Klar wird dann einiges teurer und wir Privilegierten werden etwas abgeben müssen von dem, woran wir uns so gewöhnt haben. Und manches müsste effizienter und humaner werden (in der Autoproduktion dreht man lieber eine Karosserie um, bevor jemand über Kopf arbeitet, aber Salat geerntet wird komplett unmechanisiert in ständig gebückter Haltung). Glücklicherweise haben Menschen Ideen und können sich mit etwas Zeit auf Veränderungen einstellen, es kann also Vieles besser werden, wenn man wirklich entschlossen ist. Wäre halt mal ein Besinnen auf Prioritäten und die Zukunft, die wir uns wünschen.
Fab schrieb:
Dann arbeiten die halt beispielsweise nicht mehr 10-12 Stunden am Tag - und stehen noch sowohl Dependancen in Bangalore und dem SiliconValley telef. zur Verfügung (Zeitzonen). Eure potentiellen Ausplünderungsobjekte haben auch schon eine Idee von einer veränderten work-life-balance. Dann werdet ihr euch umschauen.
Sehe ich gelassen, denn in dem Sektor kenne ich mich einigermaßen aus. Es gibt die Einzelfälle erfolgreichen Offshore-Sourcings, allerdings auch viele Rückschläge durch kulturelle Diskrepanzen, Know-How-Verlust (oder schlicht Diebstahl von Betriebsgeheimnissen). So einfach verlagert sich nichts und wo immer sich eine erfolgreiche Offshore-Industrie etabliert (Bangalore), steigen die Löhne und Kostenvorteile schwinden. Die Steuerlast mag weiterhin niedrig sein, dann allerdings auch die Leistungsfähigkeit des Staates. Vielleicht sollten das einfach noch mehr Leute ausprobieren, dann würden sie anschließend mehr schätzen, was wir hier haben. Gilt ebenso auch fürs Silicon Valley. Da haben wir mittlerweile nicht nur eine krasse Spaltung der Gesellschaft, sondern auch hohe Löhne selbst für mäßiges Talent im Technologiesektor (die Lebenshaltungskosten sind aber auch extrem hoch).
Mein Anliegen wäre also - und damit zurück zur Corona-Lage - sich der Tendenz des weiteren Auseinanderdriftens der Gesellschaft entgegenzustellen. Diese Entwicklung sollte sich nicht durch unverschuldete Einkommensausfälle verschärfen, während anderswo Verluste ausbleiben bzw. sogar zusätzliche leistungslose Gewinne entstehen.
Auch wenn wir so weit noch nicht sind: Das in Kalifornien schon befürchte Szenario, bewaffnete Hungernde würden in Gated Communities plündern, kann niemand jemals ernsthaft wollen.