Pilatus schrieb:
Wieso ausgerechnet auf das selbstbewohnte Wohneigentum los?
Wenn man die Posts zurückverfolgt, zum Beispiel bis hier, steht da so etwas:
Oliver.O schrieb:
Sollte es beispielsweise zu flächendeckenden Einkommenseinbußen kommen, reale Vermögenswerte jedoch in geringerem Umfang nachgeben oder in bestimmten Fällen gar steigen, fände ohne eine Einbeziehung von Vermögen eine 'gleichmäßige' Verteilung nicht statt.
Die selbstgenutzte Immobilie kam erst von Fab ins Spiel mit der Hypothese eines Zwangsverkaufs. Die Fehlvorstellung habe ich schlicht entkräftet, mein Schwerpunkt war dieser Sektor gar nicht. Ich habe bewusst nur ein paar Ansätze geschildert und das auch so erklärt.
Um mal bei Immobilien zu bleiben und Corona-Folgen zu erläutern hilft vielleicht diese vereinfachte Darstellung:
Peter hat in einer Großstadt 3 Altbau-Mehrfamilienhäuser in attraktiver Lage geerbt und kann die Wohnungen problemlos zu hohen Preisen vermieten. Er nutzt die Marktlage voll aus und erzielt nach Abzug von Betriebs- und Erhaltungskosten hohe Gewinne, von denen er ein Teil zur komfortablen Lebensführung verwendet und den Rest, zusammen mit niedrig verzinsten Hypotheken, in weitere Immobilien investiert. Lisa ist Ingenieurin bei einem Zulieferer der Flugzeugindustrie, bewohnt eine von Peters Wohnungen und zahlt dafür einen erheblichen Teil ihres hohen Einkommens als Miete. Sie zahlt noch ihren Studienkredit ab und es fällt ihr schwer, schnell genug Eigenkapital aufzubauen, um in der Großstadt Wohnraum zu erwerben. Jetzt kommt Corona. Lisa geht sofort in Kurzarbeit, erhält 60% ihres Gehalts, die Zukunftsaussichten sind unsicher. Lisa kann sich die Wohnung gerade noch leisten, hat darüber hinaus aber keinen finanziellen Spielraum mehr. In dem Fall treffen die Folgen also allein Lisa, die Schwächere, während Peter verlustfrei bleibt.
Wenn man jetzt sagt, wir sind ein reiches Land, wir kommen schon klar, stimmt das in der Summe. Aber ein Verteilungsproblem hatten wir zuvor schon und Corona könnte es verschärfen. Es lohnt sich deshalb mehr noch als bisher, darüber nachzudenken, wie man Chancen und Risiken fair verteilt.
Pilatus schrieb:
Das die Wertsteigerung von Vermögenswerten ordentlich besteuert wird, da kann man m.E. nicht viel dagegen haben.
Sehe ich auch so, aber der Egoist wird das ganz anders sehen und die effektive Besteuerung in D leistet das gegenwärtig nicht.
Pilatus schrieb:
Das würde sich sicher stabilisierend auf Spekulation an Börse und Immobilienmarkt auswirken.
...und geringere Volatilität und eine stärkere Orientierung von Bewertungen an der Realwirtschaft würden dazu beitragen, dass die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite an Produktivitätsgewinnen beteiligt werden könnte. Neben wirksamen Transaktionssteuern wären Haltefristen vielleicht auch eine gute Idee. Sonst hat man als längerfristig orientierter Anleger immer das Problem, gegen hochtechnisierte Hütchenspieler zu verlieren, die statt Wirtschaftswissenschaftlern lieber Pferdewetten-Analytiker beschäftigen.
Pilatus schrieb:
Allerdings darf auch hier die Abschöpfung nur dann erfolgen, wenn der Gewinn tatsächlich realisiert wird. Reine Buchungsgewinne zu besteuern wäre hochgradig kontraproduktiv, schliesslich zahlt einem der Staat auch nix zurück wenn die Anlage Wert verliert.
Naja, Wertverluste müsste ich steuerlich selbstverständlich ebenso geltend machen können. Fairness ist keine Einbahnstraße. Die Besteuerung fiktiver Gewinne kann allerdings problematisch sein, wenn die Bewertungsgrundlagen unsicher sind. Alles andere ließe sich mit geeigneten (und sauber regulierten) Finanzinstrumenten abfedern, ohne dass jemand überfordert wird.
Pilatus schrieb:
Und an der bösen Spekulation sind viele von uns by the Way indirekt selber beteiligt. Sehr viel Geld drücken nämlich die Pensionskassen in den Markt, welche irgendwie die (zum Teil kaum realistischen) Rentenversprechen finanzieren müssen. Grad in der Schweiz gehören diese im Immobilienmarkt zu den grössten Akteuren. Mit der teuren Miete zahlt man dann halt die Rente von Opa... und eines Tages vielleicht von sich selber.
Wohl wahr. Es gibt überall Blasen und ungünstige Netzwerkeffekte. Sich allein ein Bild eines "bösen Spekulanten" vorzustellen, greift selbstverständlich zu kurz. Man sollte sich, solange alles legal abläuft, sowieso vom Freund/Feind-Denken verabschieden und einfach schauen: Was sind die Effekte? Was wollen wir als Gesellschaft? Und welche Handlungsoptionen nutzen wir?