Innsbruck - Das Skigebiet am Pitztaler Gletscher ist seit seiner Eröffnung 1983 mit dem Pitztal nur mit einer unterirdischen Standseilbahn verbunden. Seit der Katastrophe von Kaprun wird im Pitztal um eine Evakuierungsmöglichkeit für den Notfall, etwa einen Stromausfall, gerungen, nach dem bis zu 5000 Touristen in 2860 Meter Höhe festsitzen könnten.
Seit 2001 haben die Gletscherbahnen zahlreiche, allesamt nicht genehmigungsfähige Varianten einer Talabfahrt vorgelegt. Das jüngste Projekt scheiterte an der UVP: Das Gelände unterhalb der Braunschweiger Hütte ist so steil und lawinengefährdet, dass die geforderte Evakuierung nicht garantiert werden kann. Im Herbst und Frühjahr, wenn am Gletscher Hochbetrieb herrscht, liegt im unteren Teil des "Sicherheitsweges" oft kein Schnee.
Die Betreiber haben gegen diesen Bescheid beim Umweltsenat in Wien berufen und argumentieren, dass ihr Projekt die Evakuierung in 98 Prozent aller Szenarien ermögliche und bei den restlichen Fällen so wenige Menschen im Gebiet wären, dass diese in den Restaurants der Bergstation versorgt werden könnten. Wann der Umweltsenat entscheidet, ist offen.
Kein Liftbetrieb
Unvermutet hat sich die Situation nun zugespitzt, und schlimmstenfalls könnten im heurigen Winter alle Lifte still stehen. Die Seilbahnbehörde hat zwar die Bauarbeiten zur Erneuerung zweier veralteter Lifte genehmigt, droht aber nun bei fehlender Evakuierungsmöglichkeit mit der Verweigerung einer Betriebsgenehmigung. Carl Ferrari-Brunnenfeld, Pressesprecher von Verkehrsminister Hubert Gorbach, betont, dass "eine Evakuierung von der ersten bis zur letzten Betriebsminute gegeben sein muss". Für Provisorien oder wirtschaftliche Erwägungen gebe es keinerlei Spielraum.
Landeshauptmann Herwig van Staa (VP) hat den Pitz- talern wiederholt politische Verwendungszusagen zur Durchsetzung der Talabfahrt und zusätzlicher Erweiterungen des Skigebiets versprochen. Jetzt verweist er auf den Rechtsstaat, man müsse das Verfahren beim Umweltsenat abwarten. Zugleich hat die scheidende Naturschutzlandesrätin Anna Hosp (VP) "Handlungsbedarf" erklärt und am Donnerstag Vertreter des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Umweltanwalt Sigbert Riccabona und den Eigentümer der Gletscherbahnen Hans Rubatscher zum Krisengespräch geladen.
Um den Sicherheitsweg in den Felsen zu sprengen, bräuchte es vier Wochen Bauzeit - es müsste also vor dem ersten großen Schnee umgehend damit begonnen werden. Nach Auskunft von Peter Haßlacher (OeAV) hat Hosp bei dem Gespräch eine Genehmigung des "Sicherheitsweges" über das Naturschutzrecht und unter Umgehung des UVP-Verfahrens vorgeschlagen. Am Montag sollen vom Betreiber neue Sicherheitsexpertisen vorgelegt werden. Eine Zustimmung des OeAV schließt Haßlacher aus: "Unter Druck getroffene Entscheidungen sind selten gut." Er ist überzeugt, dass es in dem schwierigen Gelände keine sichere Variante gibt. Haßlacher verweist darauf, bereits 2004 einen Evakuierungsstollen zum Tiefenbachferner im angrenzenden Ötztaler Gletscherskigebiet vorgeschlagen zu haben.
Riccabona, der bei der jüngsten Hosp-Variante keine Parteienstellung hätte, verlangt die Beiziehung unabhängiger Sicherheitsexperten. Hosp und Rubatscher waren für Stellungnahmen nicht erreichbar. (Hannes Schlosser, DER STANDARD - Printausgabe, 15. September 2006)