"Keine neuen Gletscherskigebiete"
VON GERHARD HOFER (Die Presse) 23.11.2006
Tourismus. Der Obmann der Sparte Tourismus in der Wirtschaftskammer Hans Schenner deklarierte sich als Umweltschützer: Sehr zum Leidwesen der Tourismuswirtschaft, sehr zur Freude des Alpenvereins.
WIEN. "Ich bin dagegen, dass man Gletscherskigebiete neu erschließt." Mit diesem Satz trat Hans Schenner, Obmann der Sparte Tourismus in der Wirtschaftskammer und Hotelier am Arlberg, am Mittwoch eine kleine Lawine los. Denn in Windeseile hagelte es Kritik von der Wirtschaft: Also jenen, die Schenner eigentlich vertritt. Umgekehrt erhielt der Unternehmer großes Lob von Umweltschützern: Und das passiert einem Tourismus-Funktionär auch nicht alle Tage.
Empört über Schenners Aussage zeigte sich etwa der Geschäftsführer der Pitztaler Gletscherbahnen Willi Krüger. Seine erste Reaktion: "Da fehlen mir die Worte." Krüger äußerte sich schließlich doch unmissverständlich: "Eine derartige Aussage von einem Tourismus-Funktionär ist absolut verzichtbar", sagte er zur "Presse". Für Krügers Unternehmen komme ein Ausbauverbot einer wirtschaftlichen Katastrophe gleich. Denn erklärtes Ziel der Pitztaler Gletscherbahnen ist ein Zusammenschluss mit dem Skigebiet von Sölden. Dafür müssten neue Gletscher erschlossen werden.
Kategorisch gegen das "Anpatzen" neuer Gletscher ist Peter Hasslacher vom Österreichischen Alpenverein. Der Umweltschützer und Raumplanungs-Experte zollt Schenner Lob. "Ich kann dem nur beipflichten", betont Hasslacher. Schenners Aussage zeuge von Weitblick. Schließlich würden die Gletscher im Zuge der Klimaerwärmung ohnehin schwer in Mitleidenschaft gezogen. Eine zusätzliche Belastung durch den Tourismus würde das Problem nur vergrößern.
Doch eben diese Klimaerwärmung ist auch der Grund, warum die Tourismuswirtschaft ihr Heil in den hochgelegenen Gletscherregionen sucht. "Es gibt die Tendenz, in die Höhe zu gehen", sagt Krüger. "Und deshalb muss es für die bestehenden Gletscherskigebiete auch weitere Ausbaumöglichkeiten geben." Schließlich sei man als Unternehmen den Gästen verpflichtet. Und diese würden immer höhere Ansprüche stellen. Ansprüche, denen die Pitztaler Gletscherbahnen heuer mit dem Bau einer modernen Achter-Gondelbahn und eines Sechser-Sessellifts nachkommen möchten. Die 17 Mio. Euro teure Investition sorgte für Riesenwirbel bei Umweltschützern und Politikern. Dabei wurden in diesem Fall nur alte Liftanlagen durch moderne ersetzt. Ursprünglich wollten die Gletscherbahnen auch eine neue Abfahrt errichten. Dies wurde aber vereitelt. Das Projekt bestand die Umweltverträglichkeitsprüfung nicht.
Für Umweltschützer Peter Hasslacher ist der Pitztaler Gletscher nicht der einzige, der touristisch neu erschlossen werden könnte. Er verweist etwa auf den Kaunertaler Gletscher. Auch dort gebe es Pläne, Skifahrern neue Gebiete zugänglich zu machen. Dagegen kämpft der Alpenverein an. Umso erfreulicher sei es, dass ein Wirtschaftskammer-Funktionär nun "im Sinne des Alpenvereins argumentiert", meint Hasslacher.