habe mich bisher rausgehalten, weil ich wie einige zuvor befürchtet habe, dass es "bald hoch her geht"... bisher ist's aber eine gute Diskussionskultur, weshalb ich nun auch mal "meinen Senf dazu gebe"...
Ich glaube, wir haben - nicht nur in D - zwei grundlegende Probleme:
Zum einen ist unser Staatsystem nur dauerhaft funktionsfähig, wenn wirtschaftlicher Erfolg vorhanden ist. Schon bei ökonomischem Stillstand geht's effektiv den Bürgern schlechter. Jedes Unternehmen, bzw. jeder Mensch eigentlich, versucht "für sich zu überleben", was tendenziell entweder die Inflation nach oben treibt - z.B. bei Produkten, die in gewissem Sinne keinem beliebigen Druck vom Markt ausgeliefert sind, weil sie jeder braucht - oder die Beschäftigten auf die Straße setzt und zu Massenarbeitslosigkeit führt - z.B. aus Branchen, die Qualitäts- oder Luxusgüter herstellen. Nicht, dass ich hier die Marx'sche Lehre vertreten möchte! Ich meine nur, dass das Erzwingen eines dauerhaften wirtschaftlichen Erfolges mit noch so vielen Programmen einfach unmöglich ist (siehe die Rekorddefizite in den USA) und daher eine gewisse Grundversicherung (Sozial, Pflege, Arbeit, Rente) vom kurzfristigen wirschtaftlichen Erfolg oder Misserfolg abgekoppelt werden müsste. Das verlangt natürlich einen gewaltigen Umbau unseres Kranken-, Sozial-, Renten- etc. -Systems. Immerhin scheinen mir einige Politiker in diese Richtung zu denken, aber mehrheitsfähig ist das momentan leider nicht.
Das zweite Problem ist, dass die Parteiendemokratie, egal welchen coleurs, nur eine bestimmte Halbwertszeit hat, die wir jetzt wohl seit dem Kriegsende erreicht haben. Nach gewisser Zeit sind die parteiinternen Strukturen viel zu sehr gefestigt. Politiker kommen nur noch durch die Parteimühlen nach oben, so dass es frische Ideen sehr schwer haben. Hat's dann mal einer nach oben geschafft, hat er gegenüber seinen Wegbegleitern so viele Verbindlichkeiten, dass er gar nicht mehr "nur nach seinem Gewissen" urteilen kann. Es lebe der Fraktionszwang! Eigentlich bräuchte es an der Parteienfront mal ein kräftiges "reset"...
Natürlich sind Parteien nötig, um motivierten Köpfen überhaupt eine Plattform zu schaffen, damit sie sich einer großen Masse an Leuten gegenüber äußern können. Problematisch sind eher die gewachsenen Abhängigkeiten innerhalb der Partei. Für mich stellt sich daher die Frage, ob man nicht dem Kabinett mehr Freiräume - auch in der Legislativen - geben sollte und die Kontrolle durch das Parlament immer nur in bestimmten Abständen durchführt. Das scheint mir wesentlich mehr Dynamik zu ermöglichen. Ob es wirklich realistisch ist, weiß ich natürlich auch nicht. Aber ich denke jedenfalls, dass man viel grundlegender die Pros und Cons unseres Staatssystem analysieren müsste als mal nur an ein paar Ecken ein Reförmchen vom Reförmchen zu machen und das dann als den großen historischen Wurf hinzustellen.
So long!
Stefan