Pilatus schrieb:
https://www.20min.ch/story/deutsche-bahn-lenkt-sbb-zug-auf-gleis-ohne-strom-605479983492
Die Eröffnung der neuen Eurocity-Linie Zürich-München war leider von einer Panne überschattet. Die DB hat mal wieder jedes Klischee erfüllt
Was du sagst ist leider völlig richtig.
Unter dem Youtubevideo des Bayerischen Rundfunks habe ich diesbezüglich mit zwei Postings dazu Stellung genommen, um die Medien einmal aufzuwecken, was in Deutschland in der Verkehrsplanung alles schief läuft.
Da gibt es nichts zu diskutieren, bei der Eisenbahn ist die Schweiz klar besser als Deutschland.
Da sich hier inzwischen nicht nur Seilbahnfreaks tummeln, sondern auch immer mehr Eisenbahnfreaks ins Alpinforum finden, kopiere ich einfach meine beiden Postings hier hinein:
Posting 1:
Es wäre wichtig, dass die Medien die Fehler der Deutschen Bahn viel stärker thematisieren würden und mal grundsätzlich falsche politische Entscheidungen viel stärker hinterfragen würden.
Die Fehlplanung der Deutschen Bahn bezüglich Hergatz hat den heutigen Zwischenfall extrem begünstigt. Um die betriebliche Flexibilität in Hergatz zu erhöhen, wäre es extrem wichtig gewesen, nicht nur das Gleis 1 zu elektrifizieren, sondern darüberhinaus an der Ostseite des Bahnhofs Hergatz eine Weichenverbindung vom Gleis 1 zum Gleis 2 zu bauen, damit man auch vom Gleis 1 Richtung Memmingen fahren kann. Gleichzeitig wäre es wichtig gewesen wenigstens einen Kilometer auch von Hergatz Richtung Oberstaufen zu elektrifizieren, damit man dann später, wenn auch die Allgäubahn über Kempten elektrifiziert wird, man in Hergatz nicht erneut alles sperren muss.
Auch ist festzuhalten, dass nicht nur der Fahrdienstleiter, der die Weiche für den ECE Richtung München falsch auf Gleis 1 gestellt hat, gepennt hat, sondern auch der Lokführer. Wenn man von Hergatz aus Richtung Memmingen fahren will, muss man etwa 600 m vor dem Bahnhof Hergatz über den abzweigenden Strang der Weiche von Gleis 1 Richtung Gleis 2 fahren. Da dies mit der Reduktion der Höchstgeschwindigkeit auf 80 km/h verbunden ist, leuchtet am Signal somit eine 8. Fehlt aber diese 8, dann ist die Weiche logischerweise Richtung Hauptgleis (also Gleis 1) gestellt, sodass der Lokführer beim Fehlen der 8 sofort hätte bremsen müssen, da er weiß, dass das Gleis 1 keine Oberleitung hat. Hätte er sofort eine Schnellbremsung durchgeführt - wie gesagt, fahrplanmäßig hätte er sowieso nicht schneller als 80 km/h fahren dürfen - dann wäre der Stromabnehmer noch unter dem Fahrdraht geblieben, da der Stromabnehmer sich beim Schweizer Zug, wie man an den Fernsehaufnahmen sehen kann, auf dem drittletzten Wagen befindet.
Man merkt auch wieder einmal an diesen extremen Sparlösungen wie der unvollständigen Elektrifizierung von Hergatz, dass die Politik nur das Allernötigste in die Eisenbahn investiert. Die Schweiz gibt pro Einwohner und Jahr sechsmal so viel Geld aus für die Eisenbahn wie Deutschland. So lange in Deutschland das Auto extrem bevorzugt wird, sind alle Beteuerungen zum Klimaschutz in der Verkehrspolitik nur Lippenbekenntnisse. Die Verkehrspolitik in Deutschland bedarf einer grundsätzlichen Kurskorrektur in der Verkehrspolitik hin zur Schiene.
In der Schweiz gibt es schon seit Jahrzehnten keine Dieselstrecken mehr; in Deutschland ist auch heute noch auf Jahre hinaus keine Elektrifizierung der zweigleisigen Hauptbahn über Kempten geplant. Auch auf der Hauptbahn Hamburg - Westerland (Sylt) verbrennt Deutschland unmittelbar neben den Windrädern der Nordsee Diesel, währenddessen die Politiker sich selbst auf die Schulter hauen und sich loben, was sie alles für Klimaschutzziele beschlossen haben.
Posting 2:
Wie ich bereits schrieb, hätte der Zug höchstens 80 km/h fahren dürfen. Bei einer Schnellbremsung beträgt der Bremsweg etwa 200 m. Um diese Strecke geht es (Symbolaufnahme von 2016; damals noch ohne Elektrifizierung):
https://youtu.be/fJx7bhle6rs?t=975
Im Video fährt ein Dieselzug Richtung Oberstaufen und Immenstadt. Der ECE hätte aber Richtung Memmingen fahren müssen.
Der ECE von Zürich HB nach München Hbf fährt auf Hergatz zu. Bei 16:18 sieht man rechts eine weiße Tafel mit 3 schwarzen Diagonalbalken, die anzeigen, dass in 300 m Entfernung ein Vorsignal kommen wird; danach erscheinen 2 schwarze Diagonalbalken für 200 m, dann ein Diagonalbalken für 100 m und dann kommt das Vorsignal, das hier bei 16:25 zu sehen ist und an dieser Stelle ca. 1000 m vor dem Hauptsignal steht. An diesem Vorsignal, hätte eine orangene 8 leuchten müssen, die besagt, dass dem Lokführer am Hauptsignal eine Reduzierung der Geschwindigkeit auf 80 km/h erwartet, d.h. er am Hauptsignal höchstens 80 km/h fahren darf. Doch es erschien keine 8, weil die Fahrstraße in das durchgehende Hauptgleis, also Gleis 1 eingestellt war. Deshalb griffen auch die Magnete nicht ein, denn die hätten nur dann eingegriffen, wenn die Fahrstraße Richtung Gleis 2 eingestellt gewesen wäre und er mit der Streckengeschwindigkeit weitergefahren wäre. So aber durfte der Lokführer aus Sicht der Leit- und Sicherungstechnik weiter mit Streckengeschwindigkeit fahren.
Bei einer Schnellbremsung aus 80 km/h beträgt der Bremsweg etwa 200 m.
Das Hauptsignal, welches hier bei 16:56 zu sehen ist, zeigte auch keine 8 an. Da das Signal Zs3 welches die Geschwindigkeit im abzweigenden Strang auf 80 km/h anzeigte, fehlte, hätte allerspätestens hier hätte der Triebfahrzeugführer reagieren müssen.
Die Weiche, um die es hier geht, sieht man bei 17:03. Sie war geradeaus eingestellt, hätte aber nach links in den Abzweig nach Gleis 2 eingestellt werden müssen.
Die Elektrifizierung geht nur im gebogenen Zweig nach links weiter, nicht aber im Fahrweg gerade aus. Das ist die von mir schon zuvor scharf kritisierte Sparerei der Deutschen Bahn an der falschen Stelle. Die Fortführung der Elektrifizierung in den Bahnhof hätte etwa 2 Millionen € gekostet. Es ist völlig irrsinnig bei einem 500 Millionen € Projekt an dieser sicherheitsrelevanten Stelle hier 2 Millionen € "einzusparen".
Man sieht, dass der Abstand zwischen dem Hauptsignal und der Weiche etwa 200 m beträgt, was dem Bremsweg von 80 km/h auf 0 km/h entspricht. Hätte der Triebfahrzeugführer eine Schnellbremsung gemacht, dann wäre er im ungünstigsten Fall mit den ersten beiden Wagen über die Weiche geradeaus weitergefahren, aber der Stromabnehmer, der sich auf dem 5. Wagen befindet, wäre VOR der Weiche zum Stehen gekommen.
In dem Fall hätte er über Funk mit dem Fahrdienstleiter vereinbaren können, auf Befehl, etwa 500 m rückzusetzen. Danach hätte der Fahrdienstleiter die eingestellte Fahrstraße zurückgenommen und eine neue Fahrstraße auf Gleis 2 einstellen können. Dann hätte der Zug zwar ca. 20 Minuten Verspätung gehabt, aber es wären keine Sachschäden entstanden.
Im Untersuchungsbericht wird nun auch zu klären sein, ob bereits die Ausfahrt in Hergatz auf Gleis 1 Richtung Immenstadt für den ECE gestellt war.
Mir ist auch nicht klar, warum der Triebfahrzeugführer, nachdem er saht, dass er in das Gleis 1 ohne Oberleitung fährt, nicht eine Notabsenkung des Stromabnehmers vorgenommen hat. Dann hätte der Zug zwar danach auch von einer Diesellok abgeschleppt werden müssen, aber die Sachschäden an der Oberleitung und dem Stromabnehmer hätten vermieden werden können.
Halten wir fest: Der Fahrdienstleiter hat eine falsche Fahrstraße eingestellt, der Triebfahrzeugführer hat gleich mehrfach gegen die Vorschriften verstoßen und das Ganze wurde noch durch Planungsfehler der Deutschen Bahn unter dem falschen Spardiktat der Politiker an der völlig falschen Stelle massiv begünstigt.
Im Video sieht man das Ausfahrtssignal bei 18:47. Ebenfalls im Video ist zu erkennen, dass hinter dem Ausfahrsignal die Weichenverbindung nach links zum Gleis 2 und nach Memmingen fehlt. Ich hoffe sehr, dass diese fehlende Weichenverbindung nun nachgerüstet wird. Auch hier muss man feststellen, dass es hier um unterlassene Investitionsaufwendungen im unteren Millionenbereich geht. Bei einem 500 Millionen € Projekt ist es völlig destruktiv, an solchen Punkten einzusparen, denn das beeinträgt die die Flexibilität im Betrieb enorm. Unter dem Spardiktat von unfähigen Politikern wird dann bei der Eisenbahn an Stellen eingespart, wo man keinesfalls einsparen sollte.
Solche Planungsfehler reduzieren die Leistungsfähigkeit im Netz und begünstigen Verspätungen und Betriebsstörungen.
Ich hoffe sehr, dass dieser erneute Zwischenfall nun ein Weckruf für die Medien ist, den Politikern und der Deutschen Bahn wesentlich schärfer auf die Finger zu gucken.