icedtea schrieb:
10-20% der Bevölkerung, die sich irgendwo nicht an die Regeln halten, reichen für die Situation, die wir gerade haben
Ich glaube, man tut sich keinen Gefallen, wenn man die Suche nach der Ursache zwangsläufig an die Suche nach den Schuldigen knüpft. Mein Standpunkt ist, dass nicht 10-20% der Bevölkerung sondern eher 90% zu der jetzigen Situation beigetragen haben, der überwiegende Teil dabei aber mit keinen oder nur ganz kleinen "Verfehlungen".
Denn alle Maßnahmen, die wir bislang hatten, sind ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten. Keine Maskenpflicht, kein Abstand, kein Lüften, kein Händewaschen und kein Hygienekonzept sind ein Blocker, die alle alle Infektionen verhindern, sie senken alle mehr oder weniger gut die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei sozialen Interaktionen. Man kann mit den Maßnahmen die Wahrscheinlichkeiten noch so klein halten, werden die Interaktion mehr, summieren sich eben auch die Wahrscheinlichkeiten wieder auf. In letzter Zeit waren es einfach gesamtgesellschaftlich gesehen zu viele Kontakte. Irgendwann wird halt auch eine Flut von "erlaubten" (also wenn sämtliche Regeln eingehalten werden) gefährlich. Forumsuser @icedtea, den einfach mal als verantwortungsvollen und absolut integren Bürger halte, hat es selbst doch vorhin schön beschrieben: Beim Fußballtraining hat er (und/oder seine Familie) die Regeln eingehalten - im Restaurant hat er die Regeln eingehalten - wahrscheinlich in Situationen mit kleinen Familienfeiern, Schule, Einkaufen etc. hat er das vermutlich auch getan usw. usw.
Allerdings werden mit all diesen Kontakten auch Infektionswahrscheinlichkeiten verknüpft. Und insgesamt über die gesamte Bevölkerung hat es halt viel zu viel Kontakt- und Infektionswahrscheinlichkeitsverknüpfungen gegeben (mit den geschätzten 10-20%, die sich nicht an die Regeln gehalten haben, als enormen Brandbeschleuniger). Es war einfach zu viel Last auf dem Bus. Und dieser Grundlast wird nun mit dem Lockdown erstmal der Stecker gezogen, wobei Gewerbe, Schule, Kitas, Einzelhandel als Notstromaggregat für (wirtschafts-)lebenserhaltene Maßnahmen noch an bleiben.
Es ist jetzt total müßig, die einzelnen Bereiche, die geschlossen werden, gegeneinander aufzurechnen und auszuspielen, welche nun mehr oder weniger logisch geschlossen werden, weil sie mutmaßlich für mehr oder weniger Infektionen als andere gesorgt haben. Denn egal, ob es nun Gastronomie, Vereinssport, Hotelgewerbe, Museen usw. sind, sie hätten für sich gesehen ALLE die guten Argumente auf ihrer Seite, dass man sie offen halten sollte. Aber alle erhöhen auch mittelbar oder direkt die Kontaktdichte, was irgendwann wieder zu zu hoher Last auf dem Kontakte-Bus führt.
Und daraus folgt meine Prognose für den weiteren Verlauf der Pandemie: Der Lockdown wird die Zahlen so weit runterbringen, dass man alles wieder aufmachen kann und meiner Meinung auch tun sollte. Die Weiche wird dann sein, ob die Gesellschaft dann gelernt hat, alle Angebote und Freizeitangebote zu nutzen,
ohne die Kontakte-Grundlast immer weiter hochzuschrauben. Wenn die Gesellschaft das nicht gelernt hat, wird es wieder einen Circuit-Breaker geben. Wenn die Gesellschaft sich dagegen daran erinnert, dass man die Kontaktdichte im Rahmen halten sollte, dann wird man sowohl Infektionszahlen also auch Druck auf dem Gesundheitssystem prima im Griff haben können.
Entscheidend nach dem Lockdown wird mMn also sein, ob der überwiegende Teil es schafft, seine kontaktintensiven Aktivitäten zu priorisieren und einzuschränken. Wem es wichtig ist, Fußball zu spielen, soll Fußball spielen können. Wem es wichtig ist, in die Kneipe zu gehen, soll in die Kneipe gehen können usw. usf. Nur nicht alles gleichzeitig oder kurz nacheinander! Oder das eine machen, das andere dafür sein lassen!
"
Jeder soll alles machen können" darf eben nicht bedeuten "Jeder soll
alles machen" bedeuten.
Das würde ich übrigens als "Lernen mit Corona zu leben" verstehen...