So weit die Beine tragen - (Meiner Tragödien 2. Teil)
1.10.2022
Ich kann da auch nichts für.
Mir macht das weder Spaß
noch suche ich das selbst aus.
Ich werde halt morgens wach
und habe Ideen im Kopf.
(Ich, in einer Nachricht an meine Frau)
Wo Teil 1 ist? Der ist Jahre her und spielte in einem anderen Land. viewtopic.php?f=54&t=59949
Davor
Ich hatte Überstunden-Frei bekommen und Bochum für ein paar Tage den Rücken gekehrt. Nicht so viel wie von Nöten gewesen wäre um nahe der 0 auf dem Zeitkonto zu kommen und auch nicht in einer jener sonnigen Spätsommerwochen wie es ursprünglich vorgesehen war sondern natürlich genau in der Woche, in der sich das Wetter erstmals anschickte, die ausgedörrten Böden des Sommers ordentlich zu wässern. Aber was sind Überstunden und verschobene Urlaube schon für Wehwehchen angesichts der Sorgen unserer Zeit.
Der 1.10. markierte das Ende meiner Woche in den Alpen, die Verwandtschaft in der Schweiz war besucht, die Sonne im Tessin genossen, dem Regen bei Freunden in Vorarlberg getrotzt und ein Schulfreund in München aufgesucht. Dort nagte unlängst an uns, dass das Jahr unseres Abiturs bereits 21 Jahre zurück liegt und ich vor wenigen Wochen auch noch genullt hatte mit jener unheilvollen 4 am Anfang. 40, die penetrante Erinnerung daran, dass einerseits die Jugend auch schon vor 10 Jahren längst vorbei gewesen, die Rente aber andererseits knappe drei Dekaden entfernt liegt. Zwar hatte ich am Abend meiner Frau am Telefon noch versichert, dass ich Sonntag halbwegs gesund und am Stück wieder zu Hause bin, aber Männer an einem Küchentisch die ihre Midlife-Crisis verleugnen während der Nachwuchs des einen gerade das Sofa mit einer komplexen Ornamentik aus Tomatensauce und Schokoladenresten verziert, sind halt mitunter schlechte Planer und so verlasse ich München am Nachmittag des 30.9. (Freitag) wieder gen Süden und checke nochmal für zwei Nächte in Österreich ein - genauer in St. Johann i.T.
Währenddessen
Ich brauche keinen Wecker, nie. Es sei denn ich muss vor 6:30 Uhr aus dem Haus. Wenn er klingelt und ich schon wach bin denke ich mir jedes Mal "Geil, selbst wenn der Tag scheiße werden sollte - zumindest einen Triumph hattest du." Ich habe mich im Sommer für sowas komisches im November in der Heimat angemeldet für das auch ich mich vorher wohl mal etwas auf die sprichwörtlichen Hinterbeine setzen muss. Oder stellen.
1.10. - die tiroler Gletscher bzw. das was noch von ihnen übrig ist, eröffnen heute die Skisaison. Die nassen Wolken lasten schwer auf den Bergen und lassen ihre Nebelschleier teils die Täler berühren. Wenn ich unbedingt will kann ich mir welche leihen, aber ich bereute es jetzt auch nicht gerade, meine Ski zu Hause gelassen zu haben. Ich ignoriere das Buffet größtenteils und frühstücke nur ein paar leichte Häppchen. Ein Blick auf die Uhr, Kopfhörer in die Ohren. Noch regnet es nicht, kommt aber noch. Wie immer kann ich mich nicht entscheiden was ich anziehe. In der Steinzeit wäre ich von der Evolution gnadenlos ausgemendelt worden. Bei mehr als 23 Grad wird mir beim Sport zu warm, bei weniger als 22 Grad fange ich auf dem Sofa an zu frieren.
Irgendwann habe ich mich dann doch noch entschieden womit ich den 11 Grad trotzen möchte und laufe los. Wird der Läufer von nicht-Läufern als Jogger bezeichnet fühlt er sich ungefähr so wie der Badmintonspieler beim vermeintlichen Federball. Irgendwie missverstanden, aber wohlwollend betrachtet zumindest grob der richtigen Richtung zugeordnet.
In gemütlichem Tempo trabe ich am westlichen Ortseingang von St. Johann los, durchquere die Fußgängerzone und verlasse das Dorf Richtung Osten entlang der Fieberbrunner Ache.
Nach 3km bin ich auf Höhe der Eichenhoflifte, die sich in der Ferne am Hang im Nebel verstecken. Aber bei dem Wetter sieht im Grunde eh fast alles gleich aus.
Nach 7km tauchen am Horizont die ersten Landschaftsmerkmale von Fieberbrunn auf. Ich empfinde meine Bekleidung bisher als sehr angenehm gewählt und das Laufen gestaltet sich noch erfreulich leichtfüßig.
Ich erreiche die ersten Vororte von Fieberbrunn.
Weiß jemand etwas über dieses LSAP? Man möge mir nachsehen, dass ich keine weiteren Aufnahmen davon gemacht habe, heute war "Nicht stehenbleiben, auch nicht für Bilder." die Maxime.
Nur einmal hätte ich fast den Weg verlassen um einer sehr sehr alten, sehr sehr gebrechlichen Frau zu helfen, die sich augenscheinlich mit ihrem Rollator in ein Gemüsebeet verirrt hatte. Kurz bevor es peinlich geworden wäre bemerkte ich, dass es eine Schubkarre war, die sie sehr sehr langsam aber unaufhaltsam vor sich her schiebt.
Nach 12 Kilometern, ich bin seit gut eineinviertelstunden unterwegs, biege ich kurz vor Fieberbrunn Down-Town nach rechts in ein Seitental ab, den Pletzergraben. Entlang des Pletzerbachs tauche ich tiefer in den Herbst und die Einsamkeit ab. Mir begegnet schon bald kein Mensch mehr.
Bei Kilometer 17 zieht der bisher sehr sanft ansteigende Schotterweg merklich an und langsam ist Schluss mit lustig.
Am Ende von Kilometer 19 geht es in Serpentinen hinauf. Ich kann mein lockeres Tempo natürlich nicht mehr halten und versuche es auch gar nicht, aber aus Trainingsgründen ist Durchtraben Pflicht und Gehen nicht erlaubt.
Als ich bei Kilometer 21 den Halbmarathon vollmache, weitet sich gerade der Blick in die Ferne in Richtung Buchensteinwand.
Bis hinauf zum Gaisbergsattel folgen allerdings noch 300 Höhenmeter Anstieg auf 3km und der Fahrweg wird auf dem letzten Stück zum Wanderweg. Naja, muss irgendwie gehen auch wenn mir die Herzfrequenz etwas nach oben entgleist. Wäre ich 39 statt 40, ich wäre wohl kurz mal stehengeblieben, dann hätte ich mir ja nichts beweisen müssen. Irgendwie komme ich trotzdem oben an.
Im nassen Grau öffnet sich der Blick das erste Mal über das kitzbüheler Tal Richtung Jochberg und Pass Thurn. Zu diesem Zeitpunkt habe ich das Kitzbüheler Horn ungefähr zur Hälfte umrundet.
Tiefblick hinab auf Kitzbühel.
Bei Kilometer 26 erreiche ich die Bergstation der Bichlalm und ignoriere die Hütte. Bei dem kühlen Wetter komme ich mit dem aus was in den Laufrucksack passt, ich brauche kein zusätzliches Wasser.
In Serpentinen ziehe ich etwas vorsichtiger den Fahrweg hinab in Richtung Mittelstation der Bichelalmbahn. Das zwischenzeitlich Nieseln ist in einen leichten Landregen übergegangen. Bergab ist die wahre Herausforderung, man muss zwar nicht seinen Körper in die Höhe stemmen, aber stete Konzentration aufbringen um technisch so sauber unterwegs zu sein, dass man die Knie nicht belastet.
Bei Rosi's Sonnbergstuben zwängen sich sehr große Autos auf zu wenig Parkraum. Ich bin bei Kilometer 30 - eine Entfernung für die so mancher der Boliden hier 5 Liter Super oder mehr bei sparsamer Fahrweise benötigt. Paare in gehobener Kleidung huschen widerwillig durch den Regen. Als ich auf der selben Höhe mit dem Eingang bin, treffen sich wie in Zeitlupe für den Bruchteil einer Sekunde meine Blicke mit dem eines jungen Kellners in Tracht, der gerade einen Herrn in Armani in Empfang nimmt. Ich fühle mich als Fremdkörper in dieser kleinen Welt ... er sich auch. Und dann bin ich schon wieder weiter und alleine mit mir, den Wolken und dem Regen.
Jetzt wird es nochmal schön zu laufen. Der Gamstrail ist zwar nicht sonderlich kreativ benannt, aber immerhin ist es ein ganz netter Singletrail.
Nach 34km erreiche ich den südlichen Ortseingang von Kitzbühel. Ich gebe mir keine Mühe und durchquere den Ort wenig reizvoll aber anspruchslos entlang der Durchfahrtsstraße.
Ich verlasse Kitzbühel nach Norden entlang der Kitzbüheler Ache.
Nach insgesamt 38km schraube ich mich beim Ortsteil Steuerberg noch einmal hinauf aus dem Talgrund und wähle den Römerweg Richtung St. Johann. Ich bin selbst etwas erstaunt, aber ohne größere Mühe nehme ich die paar Höhenmeter bergauf mit.
Zwischendrin zeigt sich der zu umrundende Protagonist erneut zwischen den Wolken.
Ich mag dieses offene weite Tal.
Die Marathon-Grenze fällt unspektakulär kurz nach Passage der Talstation der Bauernalmbahn.
Ich unterquere die Bahnlinie an das Ufer der Kitzbüheler Ache und folge ihr weiter das letzte Stück bis St. Johann.
Ich lasse den Ort rechts liegen und ziehe durch bis zur Mündung der Fieberbrunner Ache, die ich bei km 46,5 erreiche. Ich janke etwas vor mich hin, da ich vermute, mir mittlerweile an der linken Kleinzehe eine Blase zuzuziehen. Mimimi!
Ich biege rechts ab zum nördlichen Ortseingang durch den ich St. Johann vor etwas über 5h verlassen habe. Mein Hotel liegt ganz am anderen Ortsende und so laufe ich zum Abschluss noch einmal durch die Fußgängerzone bis die Häuser wieder weniger werden.
Ich gebe zu, auf Höhe des Explorer-Hotels fehlt mir noch knapp 1km und den will ich heute dann doch nicht so stehen lassen. Ich drehe noch eine kleine Schleife, dann piept die Uhr und springt auf 50km. Das Runners High ist ein Gerücht, wenn es vorher keinen Spaß gemacht hat, macht es in den hinteren Streckenabschnitten auch keinen Spaß. Aber ich hatte Spaß. 5:52h für 50km mit kumulativ 1244m Anstieg. Für mich eine ganz ordentliche Zeit, ich verirre mich nur selten hinter die Marathon-Grenze und lange Steigungen kann man im Ruhrgebiet so schlecht trainieren.
Duschen, Beine hochlegen, erfreut feststellen, dass ich mir doch keine Blase gelaufen habe, der Frau nach Hause melden das ich noch lebe und beim Thailänder essen für zwei Personen zum mitnehmen bestellen. Ich esse alles auf und falle ins Bett.
Fünfzig-komma-Null - eine gute Trainingswoche ist zu Ende, am nächsten Tag fahre ich heim.
https://www.strava.com/activities/7894852366
50km in 80 Sekunden