20.1.2025
It's only little things: footmarks and fingerprints,
a treasure hunt through town
It's full of evidence, our monuments are all around
Everything's on the move; the paint is wet, all colors are new
But if you look carefully, you'll see us shining through
Cause everywhere we've been, we have been leaving traces
(aus: "We were here" von BOY)
Das World economic forum in Davos sollte hinlänglich bekannt sein. Es ist nicht nur ein Konvent der Mächtigen dieser Welt, es ist gleichzeitig ein riesiges Kongressformat für die Fachwelt mit den großen Themen der Welt wie Public health, KI, Klima usw. Wie ich noch lernen sollte, ist das wohl einzigartige an diesem Format in Davos die Verzahnung zwischen Wirtschaft und Politik - im Schlechten wie im Guten.
Das alles kümmert mich an meinem verlängerten Wochenende herzlich wenig und ich konnte meiner schweizer Verwandtschaft auch gar nicht glauben, dass für das WEF jeder Schuppen und jede Abstellkammer im Umkreis von dutzenden Kilometern um Davos von Kongressteilnehmern gebucht werden. Das mag bestimmt auf Davos und Klosters zutreffen, aber doch nicht auf das hoch oben am Ende eines kleinen Seitentals liegende winzige Bergsteigerdorf St. Antönien mit zwei Hand voll Häusern und ein paar einfachen Sportler-Unterkünften. WEF-Teilnehmer hier oben an einem Ort, wo der winzige Dorf-Supermarkt Mittagspause macht und Samstags gar nicht erst öffnet? Ich glaube nicht.
Aber weit gefehlt...
Ich hatte vom 19. bis 21.1. ein Einzelzimmer in dem kleinen Hotel Rhätia in St. Antönien ergattert. Am Abend des 21., also Dienstag, muss ich zu einer Fortbildung gemeinsam mit drei Freunden aus der Heimat in Lenzerheide eintreffen.
Unten am Taleingang sehen die Südhänge schon wieder nach Frühling aus.
Das Hotel ist ziemlich frisch durchrenoviert, aber die traditionelle Substanz erhalten. Es bietet neben ein paar Apartmentzimmern ansonsten Zimmer mit einfachem Komfort mit Bad und Dusche auf dem Gang. Es erinnert eher an eine gut gepflegte Alpenvereinshütte, sprich es taugt mir persönlich ungemein gut. Das Betreiberpaar ist super nett. Und sie wundern sich etwas über meinen Rucksack. "Du hast aber nichts mit dem WEF zu tun, nein?"
Die kleine Aufenthaltsecke habe ich nachmittags direkt zum Lesen und Schreiben adoptiert.
Bergblick, Bett, Waschbecken, Schrank, Tisch. Was braucht es da mehr.
Abendessen gibt es ab 18 Uhr. Für Hausgäste ist automatisch ein Tisch reserviert, man kann, muss aber nicht hier essen. Ich lasse mir das natürlich nicht entgehen, denn auch wenn ich manchmal gerne alleine auf den Berg gehe, so finde ich Menschen meistens sehr spannend. Und hier gibt's gerade ganz viele davon und sie alle sind in diesem Hotel, um am WEF teilzunehmen.
Der Inhaber wird mit später bestätigen, dass ich tatsächlich der einzige Sportler im Haus bin. Die vier Australierinnen vom Nebentisch interessieren sich sehr dafür, wie das denn so ist auf dem Berg, wie es oben aussieht, wenn man selbst hochläuft und das meiste, was ich ihnen an Fotos von vergangenen Touren zeige, wird als "Amaaaaaazing" betitelt. Natürlich interessiert mich auch, was sie hier in das Dorf verschlägt. Anhand des Themenkomplexes des Kongressprogramms für den sie hier sind, muss ich befürchten, dass sie grundsätzlich in einem ähnlichen Bereich wirken wie ich. Aber ich habe Urlaub und ziehe es zumindest am ersten Abend vor, ausschließlich der Typ, der Berge hochgeht, zu bleiben. Keine Ahnung, ob es das Sprechen oder das Glas Rotwein ist, der mein Englisch entrostet. Lesen tue ich regelmäßig, aber englisch sprechen nur äußerst selten. Das merkt man zumindest die erste halbe Stunde dann doch, wenn man etwas hölzern über die Gefahren des Tourenskigehens referieren soll.
Vorm Zubettgehen ruft T von daheim an.
"Und, einsamen Abend gehabt?
"Du machst dir kein Bild..."
Der morgen des 20.1. endet dann von alleine um 6:30. Natürlich bin ich um 7 der einzige beim Frühstück. So früh hätte es gar nicht sein müssen, entweder starte ich direkt hier im Dorf oder 5min weiter oben von einem der Parkplätze. Ich entscheide mich schließlich als schöne aber überschaubare Tour für die Girenspize. Dafür fährt man 5min weiter das Tal hinauf bis zum Beginn der Wintersperre auf P5. Von hier sind es 900 Höhenmeter bis zum Gipfel. Neben mir fellen noch drei andere an, insgesamt ist es aber leer. Werktag und WEF - da gehen nicht so viele trotz gutem Wetter.
Los geht's erstmal gemütlich mit einem flachen Hatscher den Talgrund entlang. Am Horizont ragt die markante Südwand der Sulzfluh auf. Jene hat T vor Jahren mal mit mir durchstiegen. Wer nicht klettern mag, findet mit dem über die Rückseite hinaufführenden Wanderweg eine Alternative. Die Staatsgrenze zu Österreich verläuft genau über den Gipfel. Fährt man über die Rückseite nach Norden ab (wobei, ich weiß nicht, ob das fahrbar ist), landet man im oberen Gauertal und dann auf der Talabfahrt nach Gargellen.
Ich bin durchaus dankbar für den entspannten Weg, denn der Hang ist gestern in der Sonne aufgesulzt und heute morgen knüppelhart.
Die Baumgrenze ist schnell erreicht. Die südlich exponierten Flächen sind nach wie vor hart, der Rest aber immer mehr schön pulveriger Altschnee.
Nach einer Kurve tut sich dann das erste Mal der weite Blick in diese wundervolle Schneeschüssel auf. In der Bildmitte ist der Schafberg zu sehen. Ein ebenfalls beliebter und heute offenbar von allen anderen die mit mir gestartet sind gewählter Gipfel. Zur Girenspitze geht es später links. Meine Wahl war auf sie gefallen, weil die Flanken etwas steiler und nordöstlicher exponiert sind.
Hangneigung Nord-Ost, hier hat's tatsächlich immernoch richtigen Pulverschnee.
Da in Bildmitte kommt die Girenspitze das erste mal in Sichtweite. Es lohnt sich, schon beim Aufstieg zu überlegen, welche der dutzenden Hügel-Varianten man später in der Abfahrt mitnehmen möchte.
Die linke, etwas steilere der beiden Rinnen, hat sicherlich den besseren Schnee. Aber wenn man bedenkt, dass Fotos immer flacher wirken kann man vielleicht erahnen, warum ich sie nicht gefahren bin. Wäre wahrscheinlich gut gegangen, aber da in der ganzen Geländekammer niemand unterwge ist und ich alleine bin, werde ich etwas weiter links abfahren. Trotz nur Lawinenwarnstufe zwei, aber ich bin ohne Sicherheits-Partner immer sehr defensiv in der Routenwahl. Und wenn im Moment was abgeht, dann wahrscheinlich sowas, denn als Hauptgegahrenquelle steht heute eingewehter Triebschnee im Lagebericht. Könnte passen.
Dann kommt aus einer Mulde doch noch eine ganze Gruppe empor, sie queren aber weiter zum Schafkopf.
Was eine Schneeschüssel im Weitwinkel. Unerwartet phänomenal, denn insgesamt ist der Winter auch hier kein besonders guter.
Der Gipfelstock des heutigen Hauptprotagonisten. Der Aufstieg erfolgt in einem Bogen links herum über den Grat.
Ausblick vom Gipfel nach Westen. In der Ferne dürfte das Rheintal und Landquat sein.
Schonmal links die Umgebung für morgen sondieren...
Die Abfahrt war dann so gut, wie man es sich hier ausmalen kann. Falsche Hangneigung bedeutete sofort Harschdeckel, aber es gab wirklich viele gute Möglichkeiten.
Was ein Tag! Ich bin ja immer schon beseelt und glücklich, wenn ich eine tolle Landschaft beim Aufstieg habe und die Verhältnisse in der Abfahrt unter "ferner liefen" zu kategorisieren sind, aber der viele Pulver heute kam unvermutet als Bonus zur Sonne noch oben drauf.
Direktlink
Als ich gerade wieder in meiner Lese- und Schreibecke mit einer Dose Feldschlösschen sitze und diesen Bericht tippe, kommen die Australierinnen nach Hause. Das WEF hat heute begonnen, das Hauptprogramm startet aber erst morgen und die große Eröffnungsfeier ist am Abend. "Glad to see you're back alive. When you've finished your beer feel invited to join us for a drink in the lobby and show us some photos from today." Nie hat man seine Ruhe, aber was tut man nicht alles für die Völkerverständigung. Auch wenn ich gerade nicht genau weiß, was sie genau mit Lobby meinen. Wahrscheinlich den leeren Gastraum, denn das öffentliche Restaurant hat heute Ruhetag.
To be continued...