Prolog
6.6.2023
I should have known
I'd leave alone
Just goes to show
That the blood you bleed
is just the blood you owe
(aus: "No time to die" von Billie Eilish)
Prolog
Ich kann nicht glauben, dass der Wagen mich tatsächlich verfolgt. Auch wenn an jenem 8.6.2023 die Zahl der bereits in Lech residierenden Touristen an einer Hand abzuzählen ist, wird es schon eine vernünftige Erklärung geben, warum mir dieser schwarze Audi mit den getönten Scheiben zu jener frühen Uhrzeit folgt, seitdem ich die Zentrale des Tourismusverbandes Lech durch die Hauptstraße des ausgestorben erscheinenden Dorfes passiert habe. Irre ich mich, oder trägt der Fahrer eine auffallend himmelblaue Mütze mit einem weißen Logo drauf? Und sicher gibt es auch einen harmlosen Grund, warum er weiterhin in äußerst gebührendem Abstand im Rückspiegel hinter mir bleibt, als ich mit provokanten 30 durch die Galerie des Flexenpasses in Richtung Stuben rolle. Wahrscheinlich will er nur verständnisvoll und nett sein - schließlich weist mein Nummernschild mich ja als Tourist aus. Nach dem Ausgang der letzten Serpentime vor dem Ortseingang Stuben beschleunige ich meinen ID3 maximal um unerkannt nach links in die Einfahrt zum Hotel Mondschein einzubiegen. Ich beobachte die Straße - kein Audi weit und breit. Falscher Alarm. Aber ein bisschen paranoid werden kann man freilich schon bei der Mission, denn ich bin dabei, unerkannt in nichts geringeres als die Machtzentrale des innersten Führungszirkels des Alpinforums einzudringen um die Wahrheit ans Licht zu bringen und zu ergründen, wo der patriarchale Herrscher dieser Internetcommunity all die Millionen aus den Werbeeinnahmen verbuddelt.
Dazu bedurfte es einiger Vorbereitungen. Ich hatte mir eine neue Identität zugelegt und mich als ein Herr Daniel Müller ausgegeben, Lobbyist für einen großen Marketingkonzern. Ich hatte schriftlich mein Interesse bekundet, eine stattliche Summe für den illegalen Ankauf von Adressdaten aus der Forumskartei zu Werbezwecken zahlen zu wollen und um einen persönlichen Gesprächstermin gebeten. Wenig überraschend erhielt ich prompt Antwort und die Anweisung, mich am Abend des 4.6. in Lech bei einem Adjutanten des BigBoss einzufinden um weitere Instruktionen zu bekommen.
Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm gewesen. Ich wurde zu seltsam anmutenden einheimischen Bräuchen eingeladen, für die es eines Baumstammes, eines Zimmermannshammers und zahlreicher Nägel bedurfte.
Im Verlaufe des Abends hatte man mir ein Wahrheitsserum untergejubel um meine Angaben zu prüfen, doch mein allem überlegener Verstand war in der Lage gewesen, meine Tarnung aufrecht zu halten. Ich glaubte den Abend über immer wieder, einen leicht fränkischen Akzent bei einem der Männer zu hören. Schließlich organisierte man mir ein Pensionszimmer im Ort. Als ich am nächsten Morgen erwachte, lag ein handgeschriebener Zettel auf meinem Nachttisch „8. Juni., 8:00 Uhr, 47.0961437910304, 9.852713921266556“. Und jetzt bin ich auf dem Weg dahin. Ich habe die GPS-Koordinaten in zwei verschiedenen Apps und auf dem Satellitenbild überprüft, aber da ist einfach nichts an dieser Stelle, nur ein Waldrand am Ende einer kleinen Straße im vorderen Montafon. Ich gebe zu, mir ist ein wenig mulmig, aber auf der Suche nach der Wahrheit muss man auch bereit sein, Gefahren auf sich zu nehmen. Man muss auch mal selber denken!
Am Übergang der Arlberg-Schnellstraße in die A14 bei Bludenz biege ich ins Montafon ab, ein Stückchen nach dem Ortseingang von Vandans schlängle ich mich durch immer kleiner werdende Nebenstraßen. Noch 150m bis zum Punkt. Er muss links vom Weg sein, aber da ist nichts. Rechts steht ein Haus, links Wiese und dann der Rand des steil ansteigenden Bergwaldes. Noch 100m - Nichts! Noch 50, nichts. Nichts außer einem stattlichen Stapel aus Heuballen. Ich parke und steige aus. Die Koordinaten scheinen genau auf den Stapel zu deuten. Die letzten 50m muss ich zu Fuß gehen. Erst als es schon zu spät ist, sehe ich den verdeckt geparkten schwarzen Audi. „Herr Müller, sie werden erwartet. Folgen sie mir!“ Ein Strohballen weicht zur Seite und gibt den Blick frei auf einen kleinen Tunnelgang an dessen Ende eine in glänzenden Stahl eingefasste gläserne Tür anschließt.
Es ist der Eingang in einen unterirdischen Schrägaufzug. Wie ich später noch erfahren werde, hat die Firma Doppelmyr die Anlage dem Forumsbesitzer als Dank dafür geschenkt, dass der vorarlberger Weltmarktführer regelmäßig von gewissen Personen ein wenig besser dargestellt wird als ein Mitbewerber aus Sterzing. „Sie werden Verständnis dafür haben, dass ich für die Dauer der Audienz Handy und Autoschlüssel für sie verwahren werde. Bewaffnet oder verkabelt sind sie nicht, einen Bodyscanner haben sie eben am Eingang bereits unbemerkt durchquert.“
Wir fahren aufwärts. Und aufwärts. Der Druck in meinen Ohren nimmt langsam zu bis ich einmal kräftig schlucke.
„Wie weit fahren wir bitte?“ Ich versuche, nicht all zu ehrfürchtig zu klingen.
„Aussicht ist dem Chef sehr wichtig. Aber man kann ja nicht ständig den Hubschrauber nehmen, irgendwann erregt das einfach zu viel Aufsehen im Dorf.“ Er blickt ein wenig mitleidig auf den Schlüssel meines eAutos in seiner Hand. „Der Chef hat auch so eine Karre mit Batterie im Fuhrpark. Diesen Porsche Tycan E. Ist irgendwie nicht sein Ding, der steht seit Monaten eigentlich nur noch zur Deko im Atrium rum oder als Stehtisch zum Umtrunk. Ich habs ihm ja gleich gesagt, aber nein...“.
Nach einer kleinen Ewigkeit sind wir oben, aber man sieht nicht wo. Wir gehen einen langen beleuchteten Tunnel entlang, der zur Rechten mit einem matt-grauen Glas verkleidet zu sein scheint. Wo genau sind wir? Etwa schon in der Südost-Flanke des Roßkopf? Meine Schuhe hinterlassen ein paar matschige Abdrücke auf dem weißen Marmorboden. Hinter mir tauchen zwei Herren in Anzug auf. Einer beginnt sofort zu wischen, der zweite rutscht auf den Knien mit einem Politurtuch herum. Die Kronleuchter verbreiten ein angenehm warmes Licht und lassen die aufwendig verzierten Handläufe an der Wand mystisch funkeln. Sind das da etwa kleine Diamanten? „Soweit ich informiert bin, sind sie ja Läufer und wohl entsprechend gut zu Fuß Herr Müller. Wir haben nämlich noch ein paar Meter. Sonst würde ich das Maybach-Taxi rufen.“ „Nein, nein, kein Problem. Vielen Dank.“ „Das trifft sich gut, sonst hätten wir warten müssen. Das Taxi choffiert nämlich gerade noch den jüngsten Spross der Familie zum frühkindlichen Golf-Training. Aber Tiger Woods kann man halt nicht lange warten lassen.“ „Ich verstehe!“ lüge ich, denn eigentlich verstehe ich gar nichts mehr. Und Moment mal, woher weiß der Kerl, dass Daniel Müller, der in Wahrheit nicht existiert, Läufer ist? Mein Nacken wird steif als sich der Gang zu einer schier monumentalen Halle erweitert, in den eine imposante Treppe hinabführt. Von der obersten Stufe setzt sich eine anmutig in ein langes Kleid gehüllte Frau langsam in Bewegung.
Ihr schlanker Körper scheint beinahe zu ächtzen unter der Last des Schmucks und sie bringt augenscheinlich ein hohes Maß an Konzentration auf, um nicht über ihren langen Pelz-Umhang zu stolpern. Von irgendwo ertönt Musik. „Oh, wer steht denn hier auf Klassik?“ frage ich. Mein Begleiter zuckt mit den Achseln, geht einen Schritt vor und deutet hinab in den Orchestergraben. „Na ja, mit einem Streichquartett spielen sie halt keinen Punk-Rock.“ Die riesige graue Glaswand im Hintergrund wird plötzlich durchsichtig und gibt die Aussicht frei hinaus in die Berge.
Mein Blick wandert das Montafon hinauf bis Schruns. Am Horizont geht über dem Hochjoch gerade die Sonne auf.
Mittlerweile ist der wandelnde menschliche Schmuckständer fast bei uns angekommen. „Mein Mann wird sie gleich empfangen, seien sie herzlich willkommen.“ Ich will ihr eine Hand zur Begrüßung reichen, doch finde keine zum Schütteln, denn sie hält mit den ihrigen einen kleinen Chihuahua-Hund auf dem Arm. „Wissen sie, zu Monatsbeginn ist der Florian immer etwas angespannt. Jetzt im Sommer geht es ja noch, aber wenn im Winter die Seitenaufrufe wieder stark steigen und jeweils zum Ersten die Google-AdSense-Zahlungen kommen ... wir sind ja mittlerweile wirklich kreativ geworden, aber man weiß dann gar nicht mehr, wohin noch mit dem Geld. Sie können sich nicht vorstellen wie das ist, wenn die U.B.S. anruft um mitzuteilen, dass das Konto schon wieder voll ist. Entwürdigend sage ich ihnen, ent-wür-di-gend!“ Ich versuche mich nur wenig erfolgreich an einem mitleidigen Gesichtsausdruck. „Schlimm! Das sowas überhaupt erlaubt ist.“
Dann ist der Moment gekommen, am Ende der Halle sehe ich ihn. F.Feser steht an einer Bowlingbahn und zielt auf die aufgestellten Ming Vasen. „Was kann ich ihnen anbieten? Haben sie Hunger?“ Auf dem Dach eines Porsche Taycan E ist ein kleines Buffet aufgebaut.
„Darf ich ihnen eine Scheibe Trüffel abschneiden?“ Er vollführt eine etwas ungelenke Bewegung mit dem Masser, rutscht ab und ritzt eine tiefe Furche ins Dach des Autos.
„Oh. Naja, ein Problem weniger. Mir gefiel das Rot sowieso nicht. In Weiß hatte ich auch schonmal. Was meinen sie? Vielleicht mal was gewagteres? Trüffelscheibchen?“
„Sorry, Allergie!“ murmle ich und beiße verstohlen in einen Apfel. „Wo finde ich denn das Gäste-WC?“
„Hinten links beim Indoor-Wasserfall vorbei am Teich mit den Kois und der Lachszucht, dann gleich auf der rechten Seite - nicht zu übersehen.“
Während ich mich entferne und besagten Wasserbauwerken nähere, sehe ich noch aus dem Augenwinkel, wie der Typ aus dem Audi an den BigBoss herantritt, ihm etwas ins Ohr flüstert und mir hinterherzeigt. Mir wird mulmig, ich beschleunige meine Schritte, biege um die nächste Ecke und schaue mich hektisch um. Direkt neben einem kleinen Dopplmyr-Schrein befindet ich eine hellblaue Tür mit der wenig kreativen Aufschrift „Büro“. Sie ist nicht verschlossen. Natürlich nicht. In keinem James-Bond-Film ist das Büro des Oberschurken verschlossen. Aber in jedem James-Bond-Film müsste spätestens jetzt das Bond-Girl auftauchen. In einer übergeordneten Dimension scheint meine Frau gerade mit einem dicken Edding etwas in einem Drehbuch durchzustreichen. Was ich hier suche weiß ich nicht so genau, aber ich werde es schon finden.
Ich nähere mich dem großen Schreibtisch und bin etwas enttäuscht, dass niemand mit einer Katze auf dem Schoß dort im Sessel sitzt.
Und dann sehe ich es. Die Antwort auf die Frage aller Fragen, nichts Geringeres als DIE Bestätigung, quasi die bildgewordene Zweiundvierzig: Auf dem Schreibtisch liegt ein Foto. Es zeigt einen geöffneten Tresor, darin wiederum liegt ein Bild des BigBoss in einer so unfassbar kompromittierenden Situation (nein, noch kompromittierender als ein „I love Leitner“-T-Shirt), dass ich mich kurz angewidert abwenden muss. Und ist das da im Hintergrund eine Kuckucksuhr? Neben dem Foto liegt ein Zettel „Verhalte dich ruhig, sonst geht das Foto online. Gruß, 79289“
Jetzt weiß ich alles und eigentlich noch viel mehr. Die ganzen Gerüchte im Off-Topic-Forum, all das Geraune in den WhatsApp-Chats der Ehemaligen - es ist alles wahr und doch übersteigt die Wahrheit alle Phantasien. Ich muss hier raus! Raus und berichten! Eine Hand legt sich auf meine Schulter.
„Sie sind eine zu früh gebogen. Das WC ist da hinten!“
Der BigBoss hält mir ein Glas Champagner hin. „Kaffee?“
Hä, wieso hält er mir ein Champagnerglas hin und sagt „Kaffee“? Er schaut mich fragend an.
„Kaffee Herr Müller? Daniel M? Möchten sie einen Kaffee? Oder sollte ich lieber sagen Herr Bastian M.?“
Mir wird abwechselnd heiß und kalt, mein Atem geht immer schneller. „Kaffee?“ Die Wände scheinen von allen Seiten auf mich zuzukommen, die Konturen beginnen zu verschwimmen. Es wird dunkel...
... und dann erwache ich.
„Bastian, möchtest du noch einen Kaffee bevor du aufbrichst?“ Florians Frau schaut mich fragend an. „Äh, nein, vielen Dank. Aber ich würde nochmal schnell auf euer Klo hüpfen.“ Im Hintergrund trottet ein alter etwas zerzauster Hund zu ein paar im Matsch spielenden Kindern. Ich bin ein wenig übernächtigt. Mensch, was ein nettes Frühstück in der Morgensonne. Schade, dass ich heute noch was anderes vor habe.
To be continued...