26.7.2025
The rain that holds me back from being the one
I was in the past just a boy having fun
Whenever I'm walking in the desert of dreams
I see raindrops come falling
(aus: "Rain keeps von falling" von Nice little Penguins)
Prolog
Ich hätte eigentlich gar nicht hier sein sollen. Exakt mit diesen Worten beginnt auch die Einleitung zu meinem Rennbericht vom Marathon vergangenes Wochenende in Flims/Laax. Und sie stimmt auch heute. Es gibt diese krassen Ultra-Sportler, die jucken 40-50km-Veranstaltungen nicht groß. Mich schon. Auch wenn ich das als gelegentlich bemühter Breitensportler seit zwei Dekaden mache, ist aktuell neben dem "Training" natürlich vor allem die Midlife-Crisis und diese ignorierend mein purer Trotz der stärkste Konditionslieferant. Mit den sagen wir begrenzten Bergtrainingsmöglichkeiten wenn man am Rand des Ruhrgebietes lebt und meiner nicht zu unterschätzenden periodischen Faulheit war es schon immer so und ist es bis heute: Alpen-Marathon geht, aber ist anstrengend.
Danach möchte ich dann gerne ein paar Tage Zeit für meine persönlichen Mimimis haben. So hatte ich das auch vorgesehen, am 19.7. SwissAlpine in Flims laufen, den Folgetag überwiegend rumgammeln, wenn das Wetter taugt in der Folge noch die schweizer Verwandschaft heimsuchen, ihre Raclette-Vorräte dezimieren (ich kann zu keiner Jahreszeit etwas Schlechtes an geschmolzenem Käse finden!), ggf. noch den ein oder anderen Freund besuchen und irgendwann in der Woche wieder entspannt heim fahren die Gattin durch meine Anwesenheit erfreuen. Soweit so logisch, so weit so vernünftig.
Bis mich eine Lauf-Freundin aus dem Allgäu anrief um mitzuteilen, das sie und ihr Mann am kommenden Samstag, 26.7. beim Widderstein Trailrun im Kleinwalsertal an den Start gehen würden und wo ich doch gerade unterwegs wäre, dass doch eine hervorragende Idee wäre. Außerdem ist die Strecke mit nur 15km zur Erholung dann ja passend kurz. Wäre ich jetzt zehn Jahre jünger, hätte ich wahrscheinlich mit Verweis auf Vernunft und das Vorwochenende einfach abgelehnt. Aber ich schrieb es ja bereits ... MidlifeCrisis ... also habe ich irgendwie sowas geantwortet wie "Ich kann es mir ja unverbindlich mal [Zur Anmeldung hier klicken] angucken und *Klick* ... na super.
Und so kam es dann. Als ich letzten Mittwoch im Zürcher Umland bei der Verwandtschaft noch immer meinen Muskelkater bei eidgenössischem Käse und Rotwein (jaja, ich weiß) versuche abzuschütteln, schieße ich auf der Resterampe der Unterkünfte im Kleinwalsertal, was in der Ferienzeit halt noch so übrig ist. Im Grunde reicht ja ein Bett und so gibt es sicher Schlimmeres als drei Nächte in einem riesigen Hotel aus den frühen 60er Jahren. Die Mehrzahl der heutigen Gäste waren zur Zeit der Erbauung jenes Etablissements auch schon aus der Probezeit ihres Führerschein raus. Irgendwie bin ich in der Lobby an keinem der Abende dem Wegweiser Richtung "Kegelbahn & Tanzbar" gefolgt.
Fährt man an Oberstdorf vorbei, lässt erst die EUB zum Söllereck, dann die 2S-Bahn zur Kanzelwand links und dann die Heubergarena samt der PB zum Wallmerdinger Horn rechts liegen, kommt ganz am Ende dieser österreichischen Enklave in einer Sackgasse das kleine Bergsteigerdorf Baad, was vor allem im Winter bei Skitourengehern sehr beliebt ist. Der Widderstein-Lauf ist Teil der Walsertrail-Challenge. Diese besteht aus den 15km/1000 Höhenmetern am Samstag und am Sonntag dann wahlweise aus einem 29km/1700 Höhenmeter Lauf oder über die Ultradistanz 63km/3900 Höhenmeter. Man kann sich für jeden Lauf einzeln anmelden oder die Challenge aus Samstag und Sonntag in der Normal- oder Ultra-Kombination buchen. Immerhin hier war ich so vernünftig, nur Samstag anzutreten.
Der Widderstein-Trail führt wie es der Name vermuten lässt, einmal um das namensgebende Bergmassiv herum. Start/Ziel ist in Baad, die Runde wird im Uhrzeigersinn gelaufen mit Aufstieg durch das Gemsteltal bis zum Gemstelpass, einer Traverse oberhalb der Skistation Hochkrummbach (Warth/Schröcken!) hinüber zum Hochalppass und dann in einem durchaus rassigen Downhill ins Bärgunttal und zurück nach Baad.
Der Wetterbericht hatte schon Tage vorher Dauerregen angekündigt. Variationen gab es nur in der Vorhersage der Heftigkeit. Wegen einer kurzfristigen Verletzung hatten wir zwar einen Mitläufer weniger, dafür aber ein Taxi zum Start. Es pladdert bereits heftig, als ich am Straßenrand darauf warte, eingesammelt zu werden. Da hilft nur: Stimmung hoch halten.
Nicht so richtig einladendes Wetter in Baad eine halbe Stunde vor Start.
Mit rund 400 Startern füllt sich jeder überdachte Platz zügig.
Pünktlich zum Streckenbriefing 10min vor Start öffnet der Himmel dann alle Schleusen.
Die Stimmung ist ausgelassen. Alle wissen: Könnte fast schon episch werden heute
Klamottentechnisch wieder so eine Sache und persönlicher Erfahrungswert aus dem Bauch raus. Im Aufstieg wird es warm, oben werden die Temperaturen allerdings einstellig sein.
Bereits die Passage der Gemstel-Alp begeistert mit grandios aufgelegtem Publikum. Überraschend, dass bei dem Wetter sich so viele Menschen entlang der Strecke niedergelassen haben.
Dann verschwindet der sich langsam in die Länge ziehende Tross im Nebel. Hier ist so manche Gehpassage einzulegen.
So wie hier beim gruppendynamischen Kraxeln.
Im Trab geht es erzwungen einspurig an der Schlucht des oberen Gemstelbaches entlang.
Stärkungen können an der oberen Gemstelalpe im Vorbeigehen abgegriffen werden. Bei dem Wetter finden die bereitgestellten Getränke nicht all zu großen Anklang. Quasi aus Mitleid greife ich im Vorbeilaufen einen der Iso-Becher und verschlucke mich fürchterlich.
Mit dem Überschreiten der Baumgrenze erahnen wir, dass die Wetterbedingungen oben auf dem Pass recht ruppig sein dürften. Der Wind wird stürmisch, die Wolkenfetzen ziehen schnell dahin.
Hier ist jetzt jeder sich selbst überlassen. Wehe dem der nicht genug Puste hat um sich schnell genug bewegen zu können, um warm zu bleiben. Meine Hochachtung an die Streckenposten, die es hier ausgeharrt haben.
Einheimische Fangruppe.
Kurz geben die Wolken den Blick in die Tiefe nach Hochkrummbach im Skigebiet Warth/Schröcken frei. So nah ist der Arlberg.
Letzter Verpflegungsposten: Widdersteinhütte. Die kurzen Abstände überraschen mich etwas. Für 15km bräuchte es abgesehen von Hochsommerwetter eigentlich gar keine. Aber besser haben als brauchen.
Aufgehört zu Regnen hat es nie. Alles ist nur noch Matsch. Überall wo Gefälle ist, fließt jetzt auch ein Rinnsal.
Bergauf hatte ich nicht Schritt halten können, im Downhill habe ich meine Begleiterin dann wieder ein.
Das Highlight was Koordination und Knorpelverschleiß betrifft, ist die mehrere hundert Höhenmeter umfassende Passage hinab in den Talgrund des Bärgunttals. Hier habe ich meiner eigenen Gesundheit zur Liebe dann das Handy auch mal in der Tasche gelassen. Die ein oder andere Bremsspur auf dem Boden und ins Gemüse geschlagene Schneise zeugt von den Versuchen der Vorauseilenden.
Die Bärgunt-Hütte leitet dann für Willige auf dem Schotterweg hinab nach Baad quasi den Endspurt ein.
Normalerweise trampel ich so verträumt durch die Gegend, dass ich die Veranstaltungsfotografen, die in der Regel mit ihrem üppigen Equipment nicht gerade versteckt am Wegesrand lauern, trotzdem nicht wahrnehme. Dieses Mal habe ich ihn ausnahmsweise vorher gesehen.
Das habe ich beim Lauf in Flims letzte Woche so sehr vermisst. Dort lag das Ziel außerhalb der Dörfer und es gab quasi kein Publikum. Trotz des Dauerregens sind hier alle auf den Beinen, die letzten Kilometer waren bereits gesäumt mit Zuschauern. Das ist eigentlich immer der schönste Lohn für den Amateursportler, denn es ist egal, ob man nach drei Stunden auf allen Vieren angekrochen kommt oder auf einen Podiumsplatz sprintet.
Von 253 Männern komme ich in meiner üblichen Mittelfeld-Leistung auf Platz 109 nach 2:06h ins Ziel. Ohne Schweiz vorher und mit vielleicht etwas gezielterer Vorbereitung auf diese kürzere Distanz habe ich zwar Phantasien, wie ich hätte ein bisschen mehr rausholen können. Aber die Siegerzeit von 1:16h erscheint mir eine so unvorstellbare Leistung. Ich frage mich kurz, was wohl meine schnellste 15km-Zeit in der Ebene war...
Einer von uns beiden hat sich im Downhill lang gemacht. Ich verrate aber nicht wer. Schon beim Anstehen bei der Kleiderbeutelausgabe fangen wir an zu frösteln. Die warmen Duschen des örtlichen Campingplatzes stehen heute allen Läufern zur Verfügung, was wir mehr als dankend annehmen. Die Veranstaltung hat einen extrem gut gemachten Eindruck bei mir hinterlassen. Sehr gut möglich, dass ich da mal an beiden Tagen antrete, aber ganz sicher nicht über die Ultra-Distanz.
Am Abend im Hotel lese ich dann, dass sowohl beim Davos X-Trail als auch dem Großglockner-Lauf das Rennen abgebrochen bzw. umgeleitet wurde, weil in der Höhe der Regen in Schnee übergegangen war und die ersten mit Unterkühlung eingesammelt werden mussten.
So die Gelenke das mitmachen, fröne ich diesem Hobby gerne noch einige Jahre. Schaut man in die Ü50, Ü60 und gar Ü70-Wertung, habe ich zaghafte Hoffnungen.
15km in 60 Sekunden:
Direktlink