Solo auf das Winterhorn (Andermatt/Hospental)
Eine unerzählte Geschichte aus dem Jahre 2020
Could happen that you can scratch the clouds
Could happen that you come tumbling down
Could be you find yourself at the top of the stairs
Could be you're just another clown
It takes seconds to fall
(aus: "Seconds to fall" von Fury in the Slaugtherhouse)
Eine kleine Geschichte zum Lesen, nicht zum Scrollen.
Am nächsten Tag musste ich im Montafon sein, fünf Männer, fünf Tage, eine Ferienwohnung und jeden Tag das erste Grüppchen am Drehkreuz vor dem Lift. Es war bereits in jener Zeit, als es einen sozialen Grund brauchte um dem klassischen Pistenskilauf zu fröhnen. Ansonsten zog es mich immer öfter dahin, wo kein Lift hinaufführt. Oder zumindest keiner der läuft. Ich war auf dem Rückweg aus dem Tessin, bin dort zwei Skitouren gegangen und hatte die fast schon frühlingshafte Sonne beim Joggen am Lago Maggiore genossen. Das Datum eine Schnapszahl, die Standesämter quollen bestimmt über, aber an diesem 20.1.2020 wollte ich einen letzten Tag Einsamkeit für und mit mir - so hatte ich es zumindest bei der Frau zu Hause beantragt und es war genehmigt worden.
Hospental ist das letzte verschlafene Dorf nach Andermatt vor der Rampe auf den Gotthardpass. Hier hatte ich übernachtet und mich beim Frühstücken am Kamin so gar nicht zu einem zeitigen Aufbruch in den sonnigen aber windig-kalten Tag motivieren können und so ist es schon fast 10:30 Uhr, als ich am Dorfrand meine Felle aufziehe.
Bei Hospental und Winterhorn denken die meisten an das gleichnamige ehemalige kleine Skigebiet "Winterhorn" des Dorfes, welches 2007 das letzte Mal in Betrieb war und zuvor bereits mehrere Konkurse und Rettungsversuche hinter sich hatte. Der Verlauf ist in der LSAP-Sektion dokumentiert: viewtopic.php?f=32&t=13290&start=25, einen Bericht vom letzten Sommer gibt es viewtopic.php?f=54&t=66999 und einen aus einem der letzten Winter mit Liftbetrieb im Jahre 2006 ebenfalls viewtopic.php?f=53&t=15830. Mich interessiert das ehemalige Skigebiet allerdings relativ wenig, ich will auf den Gipfel des Berges dahinter, dem Winterhorn himself, oder Pizzo d´Orsina, wie es im italienischen genannt wird. Ein regionaler Skitourenklassiger mit einem kurzen etwas kraxeligen Stück unterhalb des Gipfels bei dem es die Ski zu tragen und ggf. die Steigeisen anzulegen gilt.
Die Talstation der 2SB verfällt langsam am Ortsrand. Die Fachwerkstützten fallen unter den großen Hochspannungsleitungen gar nicht auf.
Der Gotthardpass hat natürlich Wintersperre, über die Straße geht es gemütlich die ersten Höhenmeter nach oben.
Friedlich und ein bisschen verschlafen liegt Hospental teils noch im Schatten. Im Hintergrund gut zu erkennen der sonnige Gütsch in Andermatt.
Dann geht es mit ein bisschen mehr Steigung durchs Gelände in Richtung Lückli, der Bergstation der 2SB. Langsam höre ich auf zu frieren. Endlich.
Im Hintergrund zeigt sich zum ersten Mal der felsige Aufbau des Gipfelstocks des Winterhorns und eine Schneefahne kündet vom Wind dort oben.
Angekommen auf Lückli, von hier startet ein langer SL als zweite Sektion und einzige Beschäftigungsanlage des Gebiets.
Das ehemalige Restaurant ist mittlerweile auch gezeichnet vom Zahn der Zeit.
Ganz schön hängende Trasse für einen SL.
Bei den LSAP-Freunden ist das Motiv des entgleisten Schleppseils schon ikonisch geworden.
Bald muss ich in den Wind.
Und dann habe ich die Bergstation des SL hinter mir gelassen und vor mir liegt der alpinste und schönste Teil des Tages. Von jetzt an heißt es eine gute Linie durch die Felsen zu wählen.
Ein paar hundert Meter noch, dann geht es rechts durch eine steile Scharte auf den Gipfel hinauf. Es herrscht Lawinenwarnstufe 1 und trotzdem überlegt man sich jedes Mal wenn man alleine unterwegs ist aufs Neue, welches Restrisiko man bereit ist einzugehen, denn hier buddelt mich keiner mehr aus.
Hier schnalle ich ab und lege die Steigeisen an. In die Rinne ist kein Triebschnee eingeweht, ich beschließe auf den Gipfel zu gehen.
Und dann bin ich oben und genieße den Tiefblick nach Andermatt. Auch die kleinen Gipfel machen erhaben, wenn man selbst hochgegangen ist und dankbar dafür, es tun zu können.
Da sieht man meine Aufstiegsspur. Die Ski habe ich am Rucksack, ich freue mich schon auf die Abfahrt.
Aber vorher gibt es noch Belohnung aus dem Rucksack und ein paar Minuten mehr den Ausblick und nichts außer dem Geräusch des Windes.
Die letzte Nacht vor dem Montafon bleibe ich noch im Dorf. Den Tag über waren die Ticker meiner Fachzeitschriften und Preprint-Portale explodiert. Am 17.1. war das erste Mal der Verdacht geäußert worden, dass dieses neuartige Coronavirus in China sich doch nicht nur vom Tier auf den Menschen sondern auch von Mensch zu Mensch übertragen kann. Jetzt gab es Evidenz dafür und ich ahne nicht die Dimension aber die Spitzen seiner Schatten von dem was da heraufzog.
Einen Tag vorher, als ich in der Sonne am Lago Maggiore saß, war ich kurz unentschlossen, ob ich den letzten Tag zurück zum Alpenhauptkamm oder in den Vorfrühling in diese eine mediterrane Stadt fahren sollte. Ich entschied mich für das Winterhorn. Der Name der Stadt, die ich ausschlug, war Bergamo. Der Rest ist Geschichte.
Eine schier nicht enden wollende Geschichte vom Ende aller Sorglosigkeit, die Laute noch lauter werden und Leise verstummen lässt während auch jene nach der Deutungshoheit trachten, die schon seit jeher an kleinen Rissen in der Gesellschaft gezerrt haben um sie zu Gräben zu vertiefen weil sie nie verstanden haben, das es für eine komplexe Gleichung mit zu vielen Unbekannten keine perfekte und erst recht keine simple Lösung geben kann. Die folgende Zeit hat mich nachdenklicher und pessimistischer werden lassen, die schwindende Sachlichkeit in Teilen des gesellschaftlichen Diskurs schmeckt bitter. Als ich mich selbst das erste Mal mit SarsCoV2 infiziert habe und die Quarantäne in unserem Gästezimmer verbringe schreiben wir Februar 2022 und Russland beginnt einen Angriffskrieg auf dem europäischen Kontinent. Der folgende Jahreswechsel wird mit mehr als 20 Grad ÜBER Null der mit erschreckend großem Abstand wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Da bin ich mir sicher, meine alte Sorglosigkeit - sie wird nicht wiederkommen. Nie mehr. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte - hätte ich damals nochmal Medizin studiert? Sicherlich. Wäre ich wieder als Oberarzt in die Intensivmedizin gegangen? Wahrscheinlich. Aber je schwerer die Zeit, desto wertvoller wird das Schöne das bleibt und der Blick dafür es zu erkennen. Und die beste Sicht hat man ja bekanntlich oben vom Berg!