Das nennt man gefühlte Inflation
Verbesserungen bei der Qualität oder beim Angebot haben bei der Betrachtung der Inflation nichts verloren. Sie gehören zum allgemeinen technischen Fortschritt durch fortschreitende Rationaliserung, neue Techniken etc. Der aktuelle Golf 7 ist im Vergleich zum ersten Golf aus 1974 ein wahres Luxusauto. Dennoch ist ein Golf 7 im heutigen Vergleich immer noch ein Auto der unteren Mittelklasse. Selbst ein Sozialhilfeempfänger hat heute einen Standard in der Wohnung (fließend Wasser, eigenes WC, Bad, Elektro, Telefon) der vor 100 Jahren nur wenigen Privilegierten vorbehalten war. Dennoch ist seine karge Wohnung im aktuellen Vergleich halt auf Sozialhilfenineau und nicht im Luxussegment angesiedelt. Kurzum, der Hinweis auf eine angeblich veresserte Ausstattung wird meist dazu benutzt, um die tatsächliche Inflation kleiner zu reden als sie tatsächlich ist. Frage: Wieso will man den Bürgern überhaupt mit blumigen Worten die nackten Zahlen schöner rechnen als sie tatsächlich sind?
Hinzu kommt, dass die von den Statistikämtern herausgegebene Teuerungsrate keineswegs so eindeutig ist wie man immer wieder darzustellen versucht. Die einzelne Zahl ergibt sich alleine aus einem Dutzend einzelner Preisindizes, die zum Teil erheblich voneinander anbweichen. Deren Gewichtung erfolgt anhand eines Warenkorbs. Es ist allgemeine Praxis, aus politischen Gründen einzelne Posten im Warenkorb geringer zu gewichten, wenn deren Preis plötzlich ansteigt. Z.B. Energiepreise. Außerdem wird die offizielle Teuerungsrate seit einigen Jahren durch hedonische Berechnungsmethoden kleingerechnet. Ein Produkt wird also günstiger gerechnet als es tatsächlich ist, weil der technische Fortschritt einen Mehrwert ergeben soll. Frage: warum hatte man dies früher nicht nötig? An dieser Praxis ist vor allem zu kritisieren, dass im Gegenzug preistreibende Faktoren unberücksichtigt bleiben, etwa die geringere Haltbarkeit technischer Güter, die geringere Nutzbarkeit durch das Auslaufen technischer Standards oder die abnehmende Möglichkeit, einen Gebrauchsgegenstand im Fall eines Defekts zu wirtschaftlich vertretbaren Konditionen zu reparieren. Außerdem hatte ich eingangs ja schon auf die Unsinnigkeit / Unredlichkeit des Ansatzes verwiesen, die Qualität von Produkten aus unterschiedlichen Epochen miteinander zu vergleichen.
Nun habe ich den Begriff Teuerungsrate gebraucht. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird Teuerungsrate mit Inflation gleichgesetzt. Das war nicht immer so. In früheren Zeiten hat man mit Inflation das Wachstum der Geldmenge M3 - Wachstum des BIP bezeichnet. Salopp gesagt ist die Geldmenge M3 die Summe allen Geldes. Genauer erklärt es Wikipedia. Nun hat die EZB in den letzten Jahren durch ihr Anleihenkaufprogramm in den letzten 10 Jahren die Geldmenge in der Eurozone um mehr als 20% erhöht, während das Wirtschaftswachstum in der Eurozone deutlich darunter liegt. Frage: Wieso werden mathematisch präsize berechenbare Zahlen plötzlich durch schwammige und unscharfe Begriffe und Methodem ersetzt und damit Manipulationen Tür und Tor geöffnet?
Wenn aber mehr Geld als Waren auf dem Markt verfügbar sind, dann steigen logischerweise die Preise. In diesem Fall für Aktien, Grundstücke, Immobilien, Handwerkerdiensteleitungen. Da ich ab und an mit Handwerkern zu tun habe und auch regelmässig Bau- und Installallationsmaterial einkaufe, kann ich die dortige Preisentwicklung eigentlich ganz gut beurteilen. Aus meiner Sicht steigen dort die Preise beständig im mittleren einstelligen Bereich. Jedenfalls liegt dort die Teuerung deutlich über dem, was man uns als offizielle Teuerungsrate verkaufen möchte.
Preisfrage: Wenn jemand sein Geld in Aktien anlegt die nach Jahren 20% höher notieren, im gleichen Zeitraum aber die Preise für Immobilien um 25% angezogen haben, hat er dann 20% Gewinn oder 5% Verlust gemacht? (bitte jetzt ohne mathematische Spitzfindigkeiten)
Und wer das ganze für VT hält, der kann ja mal versuchen, in München in einer Randlage Eigentum zu erwerben. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders war Wohneigentum für Familien der Mittelschicht noch erschwinglich. Heute hat der Kreis derer, die sich eine eigene Immobilie leisten können, deutlich abgenommen. Trotz Niedrigzinsen. Für eine E-Wohnung mittlerer Ausstattung von 100 qm zahlt man heute in den Ballungsräumen locker 500.000 Euro mit allen Nebenkosten. Wenn ich sehe, dass im IT-Bereich die Einstiegsgehälter bei 40k liegen (aber auch nur, weil wegen des Fachkräftemanges Angebot und Nachfrage die Löhne steigen lassen

), dann reichen da auch keine zwei Einkommen, um sich so eine Wohnung zu leisten. Wenn sich aber Menschen aus der Mittelschicht in einer Großstandt keine eigene Wohnung mehr leisten können, dann läuft irgendetwas grundsätzlich falsch. Oder?
[1]
Entwicklung der Geldmenge in der Eurozone
[2]
hedonische Bewertungsverfahren
[3]
Abgrenzung Inflation zu Teuerungsrate
[4]
gefühlte Inflation, Warenkorb
[5]
alternative Berechnung der Inflation für die USA auf shadowstats