Zusammenballungen im Schnee
Superstar Rihanna eröffnete am Wochenende den Partywinter in Ischgl. 20.000 Menschen überrannten das Alpendorf
Ischgl - Manchmal wird der Trubel sogar den eventgestählten Touristikern aus Ischgl zu viel. Etwa dann, wenn sie sich missbraucht fühlen. Und so stand Alfons Parth, Obmann des Tourismusverbandes Paznauntal, Samstagabend im VIP-Bereich gegenüber jener Bühne, auf der Dreifach-MTV-Award-Trägerin Rihanna gerade 20.000 Menschen für die erste wilde Partynacht der Ischgler Saison aufheizte. Parth war nicht nur glücklich: "Nächstes Jahr machen wir das anders. Da kommen nur noch Gäste mit Liftpass zum Konzert."
Überrannt
Denn heuer, seufzte Parth, sei die Partymetropole in den Tiroler Alpen "überrannt" worden: Da Ischgls Saisonauftakt- und -abschlusskonzerte Konzert mit Top-Stars (unter anderen Tina Turner, Elton John, Lionel Ritchie oder Pink) gratis sind, boten findige Busreiseunternehmer ein Shuttleservice ins Paznauntal an. Die Chance, für 20 Euro die amtierende Königin der Dancefloorcharts zu erleben, ließen sich vor allem etwa 3500 (zumeist) Jugendliche aus Deutschland nicht entgehen. Parth: "Sie stiegen am Vormittag aus den Bussen und torkelten mit Flaschen in der Hand den ganzen Tag lang durch Ischgl. So wollen wir das nicht."
Freilich ist Ischgl auch ohne Party-Pendler kein ruhiges Pflaster. Ganz im Gegenteil. "Wir haben Après-Ski erfunden", erklärt Andreas Steibl, Geschäftsführer des Ischgler Tourismusverbandes, stolz. Und dass jene 800 Meter lange Dorfstraße, die von Anfang Dezember bis Anfang Mai die "Lifestyle-Metropole in den Alpen" (Eigendefinition) darstellt, jede Nacht aussieht wie der Wiener Stephansplatz zum Silvesterpfad (und am Morgen danach dann eben auch wie der), gehöre dazu: "Wer ruhigen Familienurlaub sucht, ist hier falsch", wiederholt Steibl mantraartig nach dem Konzert in der Silvretta-Gondelbahn sitzend, von der sich ein nächtlicher Panoramablick auf die brodelnden Gassen bietet: Die "Methode Ischgl" funktioniert durch die Massierung von möglichst vielen Menschen auf möglichst engem Raum. Den Rest besorgen Musik (die Zahl der Clubs hat fast Großstadtniveau, die Mischung auch), Gruppendynamik und Alkohol. Vor Ort.
Im Rest der Welt machten durchgeknallte PR-Aktionen (Paris Hilton mit Dosen-Prosecco etwa) und die werbliche Positionierung all dieser Umtriebe Ischgl mittlerweile zur Marke: In der Spaßgesellschaft braucht der Satz "Ich war in Ischgl" keine weitere Erklärung darüber, was man dort getan hat. Wie das Tragen bestimmter Kleidermarken, definiert es Zugehörigkeit zu einem bestimmten Way of Life.
Der Clou, sagt Tourismusobmann Parth, bestehe aber darin, die Menschen an den richtigen Stellen zusammenzuballen: Die Hotel- und Pensionsgäste aus den 11.000 Betten der unmittelbaren und den 3500 Betten der näheren Region dampfen zwar nächtens Hüfte an Hüfte in "Hexenkessel", "Kuhstall" "Pacha" & Co - verteilen sich aber tagsüber fast staufrei auf den 200 Pistenkilometern.
Überspannt
Wenn sie es überhaupt in den Schnee schaffen: Rihanna, der Superstar aus Barbados etwa, ging zwar nach dem Gig spontan (und zum Schrecken ihres Managements) ohne Bodyguards ins "Pacha" tanzen - dachte aber auch im Vorfeld des Konzertes keine Sekunde an Wintersport: Neben ihrem regulären 70-Personen Tross mussten ein Wunder-Visagist (Tagesgage: 2400 Dollar) sowie ein Spezial-Dampfbügeleisen eigens aus den USA eingeflogen werden. Dennoch wäre das Konzert beinahe geplatzt: Samstagnachmittag gelüstete es die 19-Jährige nach Karotten. Und zwar aus Ecuador. Andreas Seibl rückte persönlich aus - und gestand später: "Ich habe Rihanna angelogen, die Karotten waren vom Billa. Aber ich glaube, sie hat es nicht gemerkt."
Mit derlei harmlosen Mogeleien hat man in Ischgl allerdings schon lange Erfahrung, ergänzte Parth: "Unser erster Opening-Event war 1990: Wir wollten den größten Schneemann der Welt bauen. 16 Meter waren das damals. Unser Schneemann war zwar nur 12,40 Meter hoch - aber niemand hat sich je die Mühe gemacht, nachzumessen." (Thomas Rottenberg, DER STANDARD Printausgabe, 3.12.2007)