21.1.2020
Morgens früher in Andermatt aufzubrechen um den Tag über mehr Zeit im Montafon zu haben, wo ich heute Abend fix sein muss, kollidierte mit meinen Frühstücksplänen und so durchfahre ich Bludenz auch erst gegen 12:30 Uhr. Ich war in den letzen Tagen von den Schneemengen (Mengen, nicht unbedingt Qualität, die Temperaturen haben ihr übriges getan) des Tessin verwöhnt, dafür hatte es in Vorarlberg immerhin etwas Neuschnee gegeben, aber nicht mehr als ein kalter Tropfen auf den Stein eines milden Winters. Es wird reichen, damit Wagemutige neben den Pisten die frischen 20cm verpflügen und sich Freerider nennen. Auf eine Halbtageskarte in der Nova oder am Golm habe ich keine Lust und nach dem vielen Harsch der letzten Tage finde ich die Idee von etwas fluffigem Weißen ganz gut. Aber wohin, wo nicht schon alle vor mir waren?
Ich fahre an Gargellen, Gaschurn und wie sie heißen vorbei und erreiche Partenen am hintersten Talende. Ein Ort, den viele Touristen vergessen haben, weil er kein "echtes" Skigebiet besitzt. Aber es gibt die Lastenseilbahn der Kraftwerksgesellschaft Vorarlberger Illwerke, die im Winter für touristische Zwecke geöffnet ist.
Dabei handelt es sich um die Vermuntbahn, eine einspurig ausgeführte Pendelbahn aus dem Hause Steurer, Baujahr 1994, die einen uralten Schrägaufzug von 1924 aus den Zeiten des Baus des Vermuntstausees ersetzte. Die macht von 12 bis 13 Uhr Mittagspause, meine Eintreffzeit um kurz vor ein ist also optimal. Die Karte für Berg- und Talfahrt kostet faire 15€. Hä? Mit Talfahrt? Ja, dazu später mehr.
So kann an die Lage grob einordnen, im Anschnitt erkennt man gerade noch den Beginn der Silvretta-Hochalpenstraße (Wintersperre).
Die Bahn überwindet auf gut 1400m Länge ziemlich exakt 700 Höhenmeter und endet eigentlich relativ unnütz auf 1740m Höhe am Hang mitten im Wald, zumindest aus Sicht des Bergtouristen. Für den Stauseebau war es natürlich optimal. Eine offizielle Abfahrt ins Tal gibt es nicht, eine inoffizielle ist nicht erwünscht, entsprechende Schilder weisen ein Skiverbot durch den in Frage kommenden Wald aus und an sowas halte ich mich auch strikt und weiter unten wird die Schneedecke eh immer dünner.
Talblick auf halber Höhe
An der Bergstation
"Die Stillen Seiten und ihr Powder - ein vergessener Lift" - damit meine ich nicht die Vermuntbahn, sondern den individuellsten Lift, den der Skifahrer noch dazu immer bei sich hat: Seine eigenen zwei Beine. Auffellen und aufwärts, denn es ist mittlerweile Viertelvor zwei, die letzte Talfahrt ist um 16 Uhr.
Dankenswerter Weise haben zwei Tourengeher - so interpretiere ich jedenfalls die Stockspuren, gestern oder heute eine schöne Aufstiegsspur in den Pulverschnee vorgelegt. Der auf meiner geposteten Karte namenlose Gipfel unten links bei 2440m ist der Breitfieler Berg. Ich habe mir für spätestens 15:15 Uhr den Umkehrpunkt verordnet, um mit etwas Puffer die letzte Gondel ins Tal zu erreichen, 700 Höhenmeter in 1,5h schaffe ich wohl eher nicht, ich werde vor dem Gipfel umdrehen müssen. Aber nicht schlimm, Hauptsache bewegt.
Die Spur schlängelt sich durch ein mit zahlreichen felsigen Stufen durchsetztes Gelände. Das hier Ortskundige eine geschickte Route gewählt haben, erspart mit viel Arbeit, denn nach zehn Spitzkehren vor einem Felsen zu stehen, der nach rechts und links nicht zu umgehen ist und und man wieder ein Stück runter und wo anders rauf muss, kostet Kraft.
Der Gipfel auf 12 Uhr im Bild ist der Breitfieler Berg. Beherrscht man das Spitzkehrengehen auch am etwas steileren Hang, kommt man bis ganz knapp unter den Gipfel und muss nur die allerletzten Meter zu Fuß hoch. Ich heute wie bereits gesagt allerdings ganz sicher nicht, es sei denn, ich drehe die Uhr ein paar Stunden zurück.
Es ist ganz still. Außer den zwei anderen Tourengehern war hier seit den Schneefällen vor zwei Tagen kein Mensch und die sind wahrscheinlich Mittags am Gipfel gewesen und schon längst wieder unten. Ich bin alleine - bedrückend und befreiend zu gleich. Solo-Tourengehen ist eine ganz eigene, sehr kontroverse Entscheidung, die ich an dieser Stelle nicht weiter diskutiere, nur so viel: Es wird im Allgemeinen nicht empfohlen! Dementsprechend ist mein LVS-Gerät wahrscheinlich im Fall der Fälle auch Makulatur, wer sollte mich schon ausgraben?
Es wird immer hochalpiner und auch schattiger. Und die 15-Uhr-Marke rückt langsam näher.
Aber ein bisschen geht noch.
Hier auf dem Graht hat es viel verweht, der Schnee ist teils windverpresst und ja nach Neigung auch einen leichten Harschdeckel.
Blick über das Tal. Wenn man genau hinsieht, erkennt man etwas links der Bildmitte den galtürer Kops-Stausee.
Panorama talauswärts.
Es ist 15:15 Uhr, ich schnalle ab, ziehe die Felle von den Ski (und packe sie in den Rucksack!!! Wer meine oben am Zürser Täli von der Novembertour gefunden haben sollte, darf sich gerne melden...) und fahre ab. Das erste Stück bleibe ich bei der Aufstiegsspur. Es gibt schöne Hänge talwärts gesehen weiter links, aber ich weiß nicht, ab ich sie von hier schon erreichen kann oder weiter hoch müsste und sonst nachher an einer Steilstufe hänge. Der Schnee begeistert hier erstmal nur wenig - halb gesprungene Kurzschwünge, was anderes hilft bei dem Harsch nicht. Spass habe ich trotzdem.
Aber mit Erreichen der Latschenkiefergrenze wird es schlagartig besser, natürlich nicht hüfttief, aber gerade in den eingewehten Mulden geht es richtig gut und darf als echter Tiefschnee bezeichnet werden.
Wenn man etwas Umsicht walten lässt, kann man sehr gut mit dem zerfurchten Gelände spielen. Es geht richtig gut.
Das Erlebnis kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Winter einer der schneeärmeren ist, wie die Lawinenfangzäune eindrucksvoll vor Augen führen.
Ich habe mich unterwegs ein paar mal auf der GPS-Karte vergewissert, dass ich nicht links oder rechts unbemerkt an der Bahn vorbeifahre und falle quasi oberhalb der Bergstation aus dem Wald. Ich fahre mit der Gondel um 15:45 Uhr talwärts. Ein schöner Nachmittag!
Immerhin bis 2240m, der östliche Schlenker ist der Aufstieg.
Disclaimer: Dieser Bericht stellt keine Routenempfehlung dar. Wer ins freie Gelände geht, handelt auf eigene Verantwortung und das Tourengehen mit einem Partner reduziert das Risiko immens. Auch bei Lawinenwarnstufe eins bis zwei ist jederzeit mit Gefahren im alpinen Raum zu rechnen!