20.-28.7.2024
I was a spark, I was daylight
I didn't know how to get back home, I didn't know
In a soft electric light, in a soft electric light
I dance like a ghost, no soul, all spirit
(aus: "Chariot" von SYML)[/size]
Prolog
Anfang Februar 2024: Links-rechts-links-rechts-links-rechts - geradezu ekstatisch bin ich im Fluss durch die Sulzbuckel der Talabfahrt am Hauser Kaibling hinab in das grüne Enstal. Ein kleiner Verstolperer, den nächsten kriege ich noch so gerade noch, der übernächste haut mich aus dem Rhythmus. Ohne zu stürzen merke ich sofort, wie es mich im unteren Rücken überdehnt und das ich mit den Folgen bestimmt noch eine Weile Spaß haben werde. Seitdem hatte ich "Rücken". Mal mehr, mal weniger. An manchen Tagen nix, an anderen wusste ich nicht wie ich sitzen sollte. Die Entscheidung gegen ein MRT stand vom ersten Tag - ohne Ausfallerscheinungen würde sich, egal was die Bilder zeigen, keine therapeutische Konsequenz ergeben, denn der Weg zurück würde, so oder so, aus Physio, Physio, bemühtem Kinderbodenturnen für Erwachsene zu Hause und nochmals Physio bestehen. Im März dachte ich, ich habs überstanden. Dann lief ich die erste Veranstaltung über 25km ohne Probleme und wusste dann wieder eine Woche nicht mehr, wie ich sitzen oder still stehen sollte.
Vieles ging - wandern ja, klettern ja, Skitour mit T im April ja (vor allem vergraum - bergab so halbwegs), Laufen ging nicht. Ausgerechnet der einzige Sport, den ich so halbwegs beherrsche. Zwischendurch hatte ich kurz Angst, dass die Schmerzen chronisch würden. Ende Mai ging es endlich bergauf, im Juni war es weg und zum Juli war ich zuversichtlich, dass es jetzt auch weg bleibt. Alternativ hätte ich getreu dem Leitmotiv "Der Mensch ist so alt wie die Flexibilität seiner LWS" die Rente eingereicht.
So stand ich dann da Anfang Juli, 5kg zugenommen, Kondition im Eimer. Natürlich erinnert sich der Körper von Langzeitsportlern schnell wieder an das, was er mal gemacht hat, aber die ersten Runden fühlen sich so attraktiv an wie ein Zahnarztbesuch.
Die Mischung aus Trotz, Frust und Unvernunft bringt manchmal erstaunliches hervor, z.B. in den folgenden drei Wochen sehr viele Kilometer in und um Bochum und nach einem gemeinsamen Glas Rotwein mit T die Anmeldung zum Trail-Marathon in Davos am 27.7.
Ein Jammer, dass ich da Betriebsferien habe und sie mit frisch gewechselter Stelle gerade so richtig arbeiten muss. Dabei will ich ihr natürlich auch nicht weiter hinderlich im Weg stehen.
20.7.
Auftakt auf dem Hinweg: Zwischenstopp in Mönchengladbach auf dem Bob-Festival des gleichnamigen Radiosenders. Nach erst Mando Diao und dann Fury in the Slaughterhouse, teils im epischen Sommerregen inclusive Gewitterunterbrechung, befinde ich den Urlaubs-Auftakt für recht gelungen. Die Nacht im Camper zwischen den Bullys von mindestens drölfzigtausend anderen Rock-Fans ist erstaunlich ruhig.
21.7.
Mit viel Stau erreiche ich am späten Nachmittag ein kleines Dorf eine Viertelstunde nördlich von Lörrach am Auslauf des Süd-Schwarzwaldes. Hier im wundervollen Dreiländer-Eck aus Frankreich-Schweiz-Deutschland wohnt mein Freund Max, für den jeder meiner jemals gemachten Bergläufe eine nette kleine Trainingseinheit zwischendurch ist. Jetzt gerade plagt ihn aber irgendein Fussproblem.
22.7.
Eigentlich wollte ich heute dann weiter in die Schweiz fahren, aber ich fahre gerade so schön runter vom Arbeitsstress, da ziehe ich den Lauf mit Max über seine Home-Trails vor und bleibe lieber noch eine zweite Nacht im Schwarzwald. Lörrach gucke ich mir am Nachmittag noch an ... naja ... mich persönlich kickt es als Stadt jetzt eher nicht, noch dazu wenn man die Schweiz um die Ecke hat.
23.7.
Ich bin vormittags rüber in die Schweiz nach Interlaken gefahren hinauf in ein kleines Seitental vorbei am Dorf Habkern die kleine Fahrstraße hinauf zur Lombachalp. Auch wenn ich zwischendurch das Gefühl habe, die Straße ist schmaler als der Kastenwagen, funktioniert auch das Arrangement mit dem gelegentlichen Gegenverkehr halbwegs beherzt und ich bin auf dem Parkplatz dann auch nicht der einzige Camper.
Heute soll der einzige kleine Trainingslauf vor Davos über die Bühne gehen um zumindest anzutesten, ob ich überhaupt noch irgendwas hochlaufen kann, was höher als ein Bochumer Hügel ist. Danach sollen die Beine dann Ruhe haben und ich für die übrigen Tage in die Rolle des reinen Sightseeing-Touristen schlüpfen.
Ich habe mir einen Trail hinauf zum wunderschönen Hardergrad herausgepickt, über den Suggiturm auf das Austmatthorn. Ein kurzes steiles Stück die Flanke hinauf zum Suggiturm muss man wandern, der Rest ist laufbar.
Die Exponiertheit hoch über dem Brienzersee zur rechten und dem Lombachtal zur linken ist ein Traum.
Ich bin ziemlich begeistert. Aber was soll man bei so einem Ausblick auch anders sein?
Läuferisch geht's eigentlich erstaunlich gut. Die 700hm verteilt auf 8km Anstieg stecken die Beine ganz okay weg, der Downhill über 2km beschert mir dann aber doch die nächsten Tage Muskelkater, den ich etwas hektisch mit den üblichen Hausmittelchen versuchen werde, rechtzeitig auszutreiben.
Ich übernachte auf dem Parkplatz des einzigen Hotels im kleinen Dorf Habkern. Für 25 Franken darf man hier campen und die Dusche im Fahrradkeller mitbenutzen. Perfekt! Der Sommerabend ist perfekt, es gibt ein kleines Dorf-Freibad was ich gerne zum Tagesausklang annehme. Der Dorf-Schlepplift, der hier im Forum natürlich schon im Winter dokumentiert wurde, wird auch noch kurz beguckt und dann steht erneut eine ruhige Nacht an. Aber in den Bergen schlafe ich eigentlich immer gut.
24.7.
Am nächsten Morgen geht es ein Stündchen südlich nach Kandersteg. Ab heute kein Sport mehr, nur noch entspannen und Sightseeing. Okay!
Die Via Ferrate "Allmenalp" gilt nicht ganz zu unrecht als eine der schönsten in der Schweiz. Der Klettersteig geht exzellent gesichert und technisch nicht all zu anspruchsvoll aber ausgesetzt senkrecht immer nah am Wasserfall empor auf die Allmenalp.
Die Aussicht genießen zählt eindeutig zu Sightseeing.
Und ich bin nicht der einzige, der sich daran erfreut.
Oben auf der Alp bestelle ich souverän um Integration bemüht das Znüni und eine Rivella.
Ins Tal fahre ich selbstverständlich rein aus technischer Neugierde und auf gar keinen Fall weil mich der Muskelkater etwas irritiert, mit der extrem steilen kleinen 8er PB. (nein, da fehlt keine 0). Als es über die erste Stütze und gefühlt senkrecht in den Abgrund geht, sagt ein Schweizer zu seinen Begleitern sinngemäß in Dialekt "Wenn es beim Einsteigen stinkt, dann weil vorher ein Deutscher drin war, der sich hier vor Angst eingeschissen hat." Ich muss lachen und gelobe in betontem Hochdeutsch, mir Mühe zu geben.
Mit dem Autoverlad Lötschberg geht es hinüber ins Wallis. Das ist so ähnlich wie gestern mit der Straße, ich glaube ein Waggon hat ungefähr die 0,9-fache Breite des Campers, aber es passt.
Bei der Ortsdurchfahrt von Visp empfinde ich Schweiz gerade als sehr deutsch. Zumindest wenn man die Dauer für die Fertigstellung des Lückenschlusses für die Rhontetal-Autobahn betrachtet. Ich fahre noch weiter bis zur Aletscharena, da wollte ich mich eigentlich auf eine kleine Campingwiese stellen. Hätte ich besser recherchiert, hätte ich mir den Weg gespart, denn der komplette Platz ist dem Hochwasser wenige Wochen zuvor zum Opfer gefallen.
Naja, aber wo ich gerade schonmal da bin, spaziere ich noch kurz über die Goms-Hängebrücke und trinke einen Cappuchino auf der anderen Seite.
In meiner Standard-App "Park4Night" für die Suche nach Orten zum Übernachten, stolpere ich zufällig über das Haus von Martin am Rand des Aufstiegs zum Simplon-Pass. Er hat rund um sein Haus eine Hand voll Parkplätze für Camper in wundervoller Umgebung geschaffen. Eigentlich wollte ich nur eine Nacht bleiben, aber hier bleibe ich definitiv zwei. Warum ist das bloß alles immer so schön hier?
25.7.
Am nächsten Morgen am Parkplatz der beiden Pendelbahnen von Betten hinauf zur Bettmeralp. Auch hier hat das Hochwasser mächtig was weggeknabbert.
Sightseeing-Tagesplan: Mit der PB zur Bettmeralp, mit der EUB weiter aufs Bettmerhorn, über den Grat Richtung Eggishorn ein bisschen den Aletsch angucken, die kleine Via Ferate am Eggishorn noch mitnehmen und dann mit PB und EUB hinab in Tal nach Fiesch. Von dort per Zug zurück zum Auto.
Schon immernoch groß, aber traurig wie viel größer er selbst vor 20 Jahren noch war. Geht leider alles sehr schnell gerade.
Der Grat-Weg ist schön angelegt, kraxelig aber einfach.
Und falls sich jemals im Winter jemand gefragt hat, warum es so viel Schnee für die Piste vom Eggishorn braucht: Da ist die Antwort.
Am Abend sitze ich bis zum Einbruch der Dunkelheit auf der Schaukel und lese. Zwischendurch ruft mich Max an. Das mit dem Fuß ist besser, also eigentlich ziemlich weg und das mit Davos wäre ja auch wirklich eine nette Idee, er hätte sich für das Wochenende mal nachgemeldet für den Lauf.
26.7.
Via Furka- und Oberalp-Pass geht es immer gen Osten hindurch durch Andermatt und vorbei am ehemaligen Abbruch des Rhone-Gletschers. Auch hier wieder ein Jammer, wie schnell es geht (historische Bilder zum Gletscherstand finden sich z.B. im James Bond-Film "Goldfinger".
Am Nachmittag ist die Bande in Davos wieder vereint. Nach dem Abholen der Startnummern entscheiden wir uns für die Nacht für den Parkplatz an der Madrisa-Bahn in Klosters. Bis dahin bereiten wir uns souverän mit dem obligatorischen Auffüllen der Kohlehydratspeicher auf den morgigen Tag vor.
Direkt neben unserem Parkplatz gibt es eine Pizzaria, damit steht dann auch die Abendplanung. Hier sitzen später auffällig viele eher sportlich-drahtige Menschen und essen Pasta.
Wenig romantisch, aber zweckdienlich. 1/3 Touristen, 2/3 Läufer. In den Bergen schlafe ich ja immer gut, von Rotwein eher schlecht - die Nacht ist in Summe also mittelgut. Aber Wein vorm Sport - macht man ja auch nicht. Start in Davos ist um 7 Uhr in der Früh - Wecker also auf 5:15 Uhr.