Die tote Königin
20.2.2025
If the sun comes up
And I still don't wanna stagger home
Then it's the memory of our betters
That are keeping us on our feet
(aus: "All my friends" von LCD Soundsystem)
Das kleine Landecker bzw. Zamser Skigebiet Venet im oberen Inntal hat mittlerweile so einige Höhen und Tiefen durchlaufen. Und doch war es stets eine Randerscheinung in der Nähe von den klingensten Namen der Tiroler Destinationen wie Ischgl, St. Anton, SFL und dem Pitztal und so war der Venet - bei den Einheimischen deutlich beliebter als bei auswärtigen Gästen, schon lange ein Sorgenkind. Der Thread in den Infrastrukturellen Neuigkeiten zeugt von den kaum vorhandenen wirtschaftlichen Höhen und dafür um so zahlreicheren Tiefen des Gebiets und so war man zur Abwendung der Zahlungsunfähigkeit regelmäßig auf erhebliche Zuschüsse der Gemeinden angewiesen.
Aus dem Pistenplan von 2015 ist die nicht beschneite Talabfahrt nach Zams, die zuvor schon zu einer Route umgewidmet worden war, nicht mehr enthalten. Um den Abzweig hinab bis Landeck zu finden, muss man weit bis in die frühen 80er Jahre zurückgehen. 1983, den Zubringer aus Rifenal gab es da noch lange nicht, nahm eine Neuerschließung ihren Betrieb auf, die DSB Venet Süd. Sie erschloss die mit Abstand interessantesten und weiten Hänge hinab Richtung Fliess. Die Baustraße zur Talstation ließ man bestehen und so verfügte das Dorf von da an über eine wenn auch nicht gerade optimale Anbindung an das Skigebiet - dazu später noch ein paar Worte.
Mit 1535m Länge, einer Mittelstation und beachtlichen 677m Höhenunterschied war sie zur Zeit ihrer Erbauung die kleine Königin - im Gebiet wie auch in Tirol. Auf dem Pistenplan erscheint sie unscheinbarer als sie war.
Nach 40 Jahren hätten erhebliche Sanierungsmaßnahmen oder ein Ersatzneubau angestanden, was wenn überhaupt nur bei gleichzeitiger Errichtung einer Beschneiungsanlage auf den sonnenexponierten Hängen wirtschaftlich hätte sein können. Die sich in schwerer finanzieller Schieflage befindliche Betreibergesellschaft legte die DSB Venet Süd 2023 stattdessen ersatzlos still. 2024 erfolgte die Übernahme des gesamten Venet durch die Pletzer-Gruppe. Im Moment steht die Sanierung oder der Ersatz der ebenfalls maroden und stillgelegten Pendelbahn im Fokus. Die Zukunft des Sektors Süd ist gelinde gesagt ungewiss wenn nicht für immer verloren.
Meine bessere Hälfte und ich waren für eine Woche in Fliess abgestiegen um ein paar Skitouren in der Umgebung zu gehen und meine Schwester in Ladis besuchen zu können. Das Tiroler Oberland ist jetzt nicht gerade der Touren-Hotspot aber es gibt dennoch einige recht interessante Möglichkeiten, auch hochalpin im Umkreis von einer guten halben Stunde Fahrzeit. Also theoretisch zumindest, die Schneelage in diesem Winter machte doch einiges davon eher unattraktiv. Für eine gemütliche Sonnentour in entspannter Umgebung hatten wir uns dann irgendwann zur Erkundung in der näheren Umgebung ums Dorf entschlossen.
Wie eingangs erwähnt, erhielt Fliess mit der DSB Venet Süd zwar eine Anbindung an das Skigebiet, aber die Talstation liegt immernoch ca. 400 Höhenmeter oberhalb des Dorfkerns und die Zufahrt hinauf führt über eine meist einspurige kurvige Straße und oben kaum Parkplätze. Es existierte aber ein Pendelbusverkehr.
Das letzte Stück bis zur Talstation ist die ehemalige Baustraße, die nie richtig asphaltiert wurde.
Das Ende der immernoch präparierten und im Pistenplan beworbenen Rodelbahn, von der ich nicht so richtig weiß, wen die ohne die DSB noch ansprechen sollte. Sie endet ohne Rückkehrmöglichkeit, es bleibt nur ein sehr langer Marsch. Hier passen eine Hand voll Autos hin bzw jetzt, wo der Buswendeplatz nicht mehr freigehalten werden muss, auch zwei.
Hier wird kein Skipass mehr verkauft. Vernagelte Vergänglichkeit in Holz...
Eine typischer Doppelmayr-Konstruktion der frühen 80er Jahre.
Wann kommt hier der Bus?
Klassische Abspannung seiner Zeit.
Sonnige Tristesse des Verfalls.
Für einen 20. Februar ist es arg frühlingshaft. Die niedrige Schneehöhe dieses Winters macht sich mehr als bemerkbar.
Eines der Probleme des ehemaligen Süd-Sektors ist die Ausrichtung zur Sonne. Auch in besseren Wintern war hier die Saison gerne mal schnell vorbei.
Fräulein T auf der Suche nach Schnee. In diesem Winter haben wir es halt besonders schwer.
Mit geschickter Wahl ging es hier über schmale Streifen dann aber durchgängig.
In der Ferne kündet der Funkmast vom Ziel.
Und im Oberinntal macht der Frühling bereits von sich Reden.
Bei guter Schneelage und vor allem nach Neuschneefällen hatte man hier mit dem lichten Wald, den zahlreichen Almwiesen und Schneisen immer vielfältige Möglichkeiten.
Gegnüber im Zoom die Fisser Nordseite. Auch die Phantastereien gab es in den 00er-Jahren mal: Ein Zubringer vom Inntal durch das Urgtal zur Fissernordseite und an selber Stelle als Ersatz für die DSB Süd hinauf bis zum Venet.
Kurze Hose hätte es mittlerweile auch getan.
Außer einem abfahrenden Tourengeher hatte bis Mittags noch niemand die frische Präparation der Rodelbahn entweiht. Kein Wunder, wer auch und warum?
Mancher erinnert sich vielleicht noch an die Liftkreuzung der Piste im Winter.
LSAP-Panorama im Sonnenschein.
Für die Alteisenfreunde. Sieht auf den ersten Blick eigentlich alles noch recht gepflegt und in Schuss aus.
Freuen wir uns schonmal auf später.
DER Zubringer-Ziehweg, um vom Rest des Gebiets in den Sektor Süd zu kommen.
Das Urgtal in fast seinem gesamten Verlauf mit links der Fisser Nordseite und rechts der vorgelagerte Thailkopf, an dessen Nord-Ost-Hängen sich einstmals der Thial-ESL befand. Im Vordergrund das Dorf Hochgallmigg mit dem bis dato quasi unbekannten Patschied-Lift ( viewtopic.php?t=70641 ).
Das hintere Urgtal im Zoom. Ganz ganz hinten, leicht rechts der Mitte, erkennt man den Kübelgrubenkopf. Von hier aus gesehen an seiner Rückseite liegt die Bergstation der Versing-EUB in See.
Die letzten paar hundert Meter bis zum Ziel.
Toller Tiefblick hinab nach Landeck mit dem nach links abbiegenden Inntal und im Hintergrund der Gabel von Paznaun- und Stanzertal.
Zoom das Stanzertal hinauf, ganz im Hintergrund in der Mitte der flache Kopf sind die Sektoren Galzig und davor Kapall des Skigebiets St. Anton.
Ein Berg mit vier Liften, von denen sage und schreibe drei aktuell LSAP sind! Die Marode Pendelbahn ist seit diversen technischen Defekten außer Betrieb. Die Pletzer-Gruppe wollte sie ursprünglich im Sommer 2025 durch eine EUB ersetzen. Diesen Plan hat man mittlerweile wegen der Befürchtung verworfen, die windausgesetzte Trasse können zu einer ähnlich häufigen Betriebseinstellung führen wie am Patscherkofel.
Möchte man sich noch irgendwelche Hoffnung herbeireden, dass ein zukünftiger Ersatz oder ein Retrofit des Sektors Süd noch nicht zu 100% ausgeschlossen wurde, so mag man vielleicht bemerken, dass hier noch alles halbwegs in Schuss und noch nichts nach vorbereiteter Demontage aussieht.
Rechts die Bergstation des einzigen, sich hier oben noch in Betrieb befindlichen Lifts.
Den breiten Grat entlang ist es in durchschnittlichen Wintern eine gemütliche Skitour mit bei sicheren Verhältnissen rassigen Firn- oder Pulverabfahrten die breiten Südflanken hinab. Bei dieser Steinwüste heuer nicht vorstellbar.
Der dritte LSAP-Lift auf diesem Gipfel neben PB und DSB: Der Panorama-SL.
Das Gipfelhaus Venet mit seinem relativ neu errichteten Anbau mit Zimmern, ist eigentlich eine gute Idee gewesen. Hat aber auch nie so richtig den wirtschaftlichen Durchbruch geschafft.
Immerhin die Weinbergbahn läuft noch. Wenn auch nicht mit all zu vielen Gästen.
Letzten Winter geschlossen, diesen durch den neuen Betreiber wieder eröffnet: Das Panorama-Restaurant.
Dem Namen würdiger Ausblick und für uns ein willkommener Rastplatz zur Stärkung. Ein Tisch ist mit holländischen Pistenfahrern besetzt, drei Tische mit einheimischen Tourengehern - und wir halt.
Gezoomte Trasse der alten PB. Ich hätte aus dem Bauch raus gesagt, sie ist weniger windexponiert als die am Patscherkofel aber da mag ich mich irren.
Vom Panorama ist es wirklich wirklich schön hier.
Die Abfahrt war dann im oberen Drittel schöner Butterfirn, in der Mitte erwartungsgemäß Sulz und um dem Gemüse im unteren Teilstück zu entgehen, sind wir dann auf die Rodelbahn a.k.a. langweiliger Waldziehweg abgebogen vorbei an der ehemaligen Mittelstation.
Das werden dann wohl die letzten Tage gewesen sein, wo es unten noch ohne Unterbrechung ging.
Schöne kleine Tour, traurige Eindrücke eines Gebiets, was nie so richtig wusste, was es wie wo werden sollte und welches weiterhin einer sehr ungewissen Zukunft entgegen sieht. Ganz aktuell hat der neue Betreiber in einer Presseaussendung mitgeteilt, dass die Zahl der verkauften Skipässe diesen Winter deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Ob es nach den verworfenen EUB-Plänen tatsächlich noch in diesem Jahr zu einem Ersatz der PB aus Zams kommt - durch welchen Bahntyp auch immer - darf gehofft aber bezweifelt werden. Ob der Sektor Süd jemals wieder betrieben wird, ob das Gebiet mit oder ohne überlebensfähig sein kann, all das ist weiter offen. Diskutiert wurde viel, wirtschaftlich realistisch angesichts der schieren Übermacht der umliegenden Gebiete, erscheint wenig. Auch nicht so verrückte Ideen wie ein Gesundschrumpfen der Liftanlagen bei gleichzeitiger Rückgewinnung von aufgegebener Pistenfläche mit einem Abbau von Weinberg- und Riefenal- Venet-Süd- und Pendelbahn, Wiederaufbau der Riefenal-KSB auf der Trasse der DSB Venet Süd und Neubau eines durchgehenden Zubringers als EUB von Zams nach Riefenal und dann über die Zammer Alm zum Gipfel. Auch das ist und bleibt Utopie, denn auch große mutige Investitionen eines finanzstarken Betreibers brauchen eine Aussicht auf Gegenfinanzierung. Und die gibt es nur mit Scharen von Gästen, aber woher oder warum sollten die noch kommen? Von daher: Die Königin ist tot und wird es bleiben.