Das Kitzsteinhorn hat keine Talabfahrt - und die war großartig!
30.3.2025 - First contact: @freeriderin
So if you're not coming home, and we're going to pass
Tell me, why do I keep seeing trails of your track
And if letting you go would've led me on a better path
Then why do I keep holding back?
(aus: "Trails" von Mike Perry)
17:30 Uhr - ein Tag vor der Zeitumstellung, daher ist es bereits dämmrig, als ich vor dieser Tür in Kaprun stehe. Es könnte auch der Eingang in eine Kneipe in meinem geliebten bochumer Stadtteil Ehrenfeld sein. Für einen Moment habe ich fast heimatliche Gefühle. Die Tür macht keinen Hehl daraus, dass sie der Eingang in einen der Szene-Schuppen im Ort ist - also mehr so Marke "Tattoos, Piercings und Dreadlooks" als "Après-Ski und Ballerman". Allemal der perfekte Ort für die Einstimmung auf den morgigen Tag - und für eine gute Pizza. Kurzum: Die Wahl gefällt mir, aber ich hatte sie gar nicht getroffen sondern @freeriderin.
Am Tag zuvor war ich gemeinsam mit @gerrit und seiner Frau zur Skitour am Dachstein unterwegs gewesen. Am Mittag des 29.3. checkte ich dann aus seinem Ferienhaus in Altausee aus und machte mich durch den angekündigten Regen auf den Weg gen Westen. In der Tristesse aus tiefhängenden Wolken und unablässigem Regen auf schmelzende weiße Bänder der Skiregion Dachstein West hatte ich Gosau passiert. Das mir bisher gänzlich unbekannte Lammertal durchfuhr ich nach Süden bis zur A10 um dann über die B311 schließlich in Kaprun anzukommen. Und so stehe ich nun vor besagter Tür. Meine Liste mit Menschen aus dem Alpinforum, die es erstmalig zu treffen gilt wird zwar kürzer, ist aber nach wie vor lang genug um die nächsten Winter zu füllen. Ein Treffen mit @freeriderin ist seit mindestens irgendwann zu Beginn von Corona lose angepeilt gewesen. Irgendein LockDown, irgendeine Reiseplanänderung - irgendwas war immer. Aber hatte auch keine Eile, wir sind ja alle noch jung.
Hinter dieser Tür vorgefunden habe ich dann eine bestens aufgelegte @freeriderin mitsamt einer sympathischen, immens skiverrückten Truppe, deren Hang zu diesem Sport deutlich über den ambitionierten Durchschnitt hinausgeht. Das Spektrum der Anwesenden reicht von "Akademiker aus der Mitte Deutschlands, die den Winter über von ihrem Zweitwohnsitz in den Bergen aus remote arbeiten" bis hin zu "wohnt die Saison über in seinem VW-Bus auf dem Parkplatz der Seilbahn". Irgendjemand hatte schonmal den Gesamtsieg beim Weißen Rausch am Arlberg eingefahren, andere favorisieren zum Winterbeginn erstmal das Heli-Skiing in Kasachstan zum Warmwerden. Und mir wird nahegelegt, für morgen Turnschuhe in den Rucksack zu packen. Paradies! Aber mir schwant auch, dass es sinnvoll sein könnte, mich heute Abend gut zu stärken.
Ich bin grundsätzlich nicht abgeneigt, bei der Unterkunftswahl auch mal ein bisschen in Komfort zu investieren (zumal ich die Woche zuvor fünf Tage mit einem Freund auf einer Alpenvereinshütte im Lager genächtigt hatte), allerdings erscheint mir das an diesem Abend nicht sinnvoll. Nach dem Abendessen mit der Truppe würde ich aus sozialer Indikation noch das Zweitliga-Spiel von Fortuna Düsseldorf mit anschauen und dann direkt in mein Bett durchgehen, aus dem ich dann am nächsten Morgen direkt wieder auschecke. Der ultimative Tipp von @freeriderin, dem ich gefolgt bin: Wenn man über die Homepage des Sporthotel Woferlgut ein Zimmer in der ... sagen wir ... nostalgischen Pension Alpenblick bucht (Homepage: "Traditionelle Ausstattung"), bekommt man das Frühstück im 4*-Hotel und auch nach dem Checkout kann man für den Rest des Tages dort die riesige Wellnessanlage nutzen. Super!
Der nächste Morgen: Der ganz große Neuschnee kam erst am Folgetag, aber es hatte in der Nacht durchaus im Stau seine 40cm gegeben plus Windverfrachtungen, die auch explizit im Lawinenlagebericht für die entsprechenden Expositionen bewarnt wurden. Schneefallgrenze, oder besser Schneeliegenbleib-Grenze nicht ganz klar, ich tippe auf 1700m. Mein Vorsatz, mich mit den anderen zur obligatorischen ersten Gondel am Parkplatz der Gletscherbahn zu treffen, zerschellte ein wenig am wirklich reichhaltigen Frühstücksbuffet und ich bildete die Nachhut. Asche auf mein Haupt.
So richtig verlockend ist das Wetter wirklich nicht. Die Wolken kleben weiterhin in der Höhe fest. Trotzdem habe ich mir die erste Tageskarte seit Mitte Januar gekauft. In den letzten Jahren bin ich doch immer weiter vom Pistenskifahrer zum Tourengeher geworden und in der Regel aus sozialen Indikationen mit Liften unterwegs.
Begriffskunde
Die Grenzen verschwimmen zwar, aber Tourengeher sind nicht automatisch Freerider und es gibt zahlreiche Variationen von Mischformen und Überschneidungen.
Ich bin aufstiegsorientierter Tourengeher, sprich ich habe in der Regel ein bestimmtes Ziel wie Gipfel XY oder die Durchquerung von A nach B etc. vor Augen. Die Verhältnisse für die sich daraus ergebenden Abfahrten sind dabei eher sekundär. Wenn mal schöner Pulver oder Firn dabei ist, freue ich mich natürlich ausgiebig, oftmals besteht die Realität aber aus allem anderen von Harsch über windverpresstes Zeug, Gras-Stein-Schnee-Gemüse bis Sulz. Hat zwar den Vorteil, dass ich für einen Flachland-Piefke halbwegs hartgesotten das meiste anstandslos bezwingen kann, aber dementsprechend ist mein Standard-Tourenski (seit Anbeginn in wechselndem Modelljahr ein K2 Wayback) zwar breiter als ein Pisten-Carver, aber auch keine ultimative Powder-Latte, sondern ein Allrounder, mit dem halt alles so halbwegs funktioniert. Auch frischer Tiefschnee, aber mit etwas mehr Arbeitseinsatz.
Dann gibt es die tourengehenden Freerider, deren Ziel der Hang mit dem guten Schnee und nicht irgendein Gipfel ist. Und dazwischen ganz viele Mischformen wie Freerider, die nur mit Liftunterstützung empor gelangen und sich vor Ort exzellent auskennen oder jene, die meistens mit dem Lift hochfahren und dann noch ein bisschen aufsteigen - plus alle Mischbilder. In der heutigen Gruppe gab es wahrscheinlich von allem etwas.
Ich traf den Rest oben am Langwied und so blieb die Sicht leider bis zum Mittag
Und dann waren wir doch das erste Mal am Tag zur richtigen Zeit am richtigen Ort als der Himmel endlich aufging.
Wie üblich an solchen Tagen beginnen dann die kleinen Wettrennen mit all denen die da lauern. Auch größere Geländekammern sind innerhalb kurzer Zeit verspurt. Jetzt habe ich zwar durchaus seit Jahren einen Hang zum Ausdauersport und behaupte, offpist durchaus Skifahren zu können und noch dazu bin ich in der Gruppe der jüngste ... mit meinen 42 ... dennoch wird mir, der meistens friert, ein wenig warm und ich muss mir Mühe geben, die anderen nicht aufzuhalten. "Ne Basti, liiiiiiinks!!!" Mein Dank an @freeriderin, die mich nie aus den Augen gelassen hat, wenn ich den Blickkontakt zum Vordermann verloren hatte. Behütet im Tiefschnee - wie schön.
Aber eigentlich soll es bei dem Tag noch um eine ganz andere Abfahrt gehen.
Disclaimer
Ich hatte ursprünglich erwogen, über diesen Tag nicht im Forum zu berichten. Auch wenn sich im Wandel der Jahre viel aus Foren zu Social Media verschoben hat, mache ich mir Gedanken, ob ein Bericht über das folgende dann die Falschen anspornt, sich in eine Gefahr zu begeben, die sie nicht abschätzen können. Schaut man auf den Pistenplan, existiert vom Kitzsteinhorn keine Talabfahrt, viel zu schroff fallen die Flanken in alle Himmelsrichtungen ab. Die Bergfahrt mit den Bahnen vom Parkplatz vermitteln ja schon einen ganz guten Eindruck davon. Und dennoch existieren in der Freeride-Szene eine ganze Reihe an Möglichkeiten (am Vorabend sprach jemand von 12 möglichen Geländekammern), wie man auf Ski zurück ins Tal kommt. Wenn man das Internet durchsucht, findet man auch entsprechende Beschreibungen - das hat mich am Ende auch dazu bewogen, hier grundsätzlich davon zu berichten. Trotzdem werde ich keine Details zum Einstieg geben.
Ernst gemeinte Warnung: Dorthin gehören Menschen, die nicht nur technisch des Abfahrens im Tiefschnee kundig sind, sondern die Erfahrung mit der Beurteilung von Gelände haben, ortkundig sind, profunde Kenntnisse über Lawinen mitbringen und das entsprechende Equippment besitzen und beherrschen. "Ich bin schonmal neben der Piste gefahren" ist genauso wenig eine Qualifikation dafür wie "Ich fahre regelmäßig Skirouten oder folge ausgeschilderten Freeride-Arealen".
Eine der möglichen Varianten hinab ist die Traverse hinüber ins Mühlbachtal runter nach Niedernsill. Regelmäßig ist von der Bergstation der Kristallbahn eine Spur hinauf in die Schmiedingerscharte zwischen Kleinem und Großem Schmiedinger eine pistenraupenspurbreit gewalzt. Es ist nicht all zu weit und immer wieder gehen da auch Leute für die Aussicht hoch. Von dort aus könnte man in das Mühlbachtal abfahren über die öfter mal "Großer Hang" genannte Variante, die ich auf der Karte mit dem roten X markiert habe. Genau dort ereignete sich im Jahr 2000 bei lediglich Lawinenwarnstufe 2 ein schweres Unglück mit 12 Toten Skilehrern während einer Fortbildung. https://www.spiegel.de/panorama/oesterr ... 70918.html. Heute sind die Verhältnisse durch den Neuschnee und die Windverfrachtungen bei LWS 3 deutlich diffiziler - der "Große Hang" ist daher nicht unser Weg und wir gelangen anders ins Mühlbachtal. Wie, das beschreibe ich hier bewusst nicht - aber man muss auch dafür aufsteigen und das durch Gelände, in dem es heute bisher keine Spur gibt. Das ist der Moment für einen aus der Gruppe, der in seinem Spitznamen unter anderem "Spurentreter" trägt. Nicht ohne Grund, denn er, der die Spur in den Tiefschnee stampft, legt dabei ein Tempo vor, dass ich in seiner Spur so gerade mitkomme und der Rest der Gruppe leicht zurück fällt.
Nach der Überschreitung eines eher schmalen Grads liegt dann der Hang hinab ins Mühlbachtal vor uns. Ich bin der Dritte in der Reihe, man sieht links über mir gut ein klassisches Oberflächenrelief für Windverfrachtungen. In unserer Querung kommen die Steine durch - hier hat es den Schnee eher abgeweht, was die Querung zumindest sicherer macht. Großer Gefahrenpunkt sind bei diesen Lagen dann Rinnen und Mulden, in die es den verfrachteten Schnee hineingeweht hat. Oft hat die Oberfläche dann eine ähnliche Struktur wie die abgewehte Passage, aber nicht immer. In der Regel sind diese Verfrachtungen dann von sehr schlechter Stabilität und ohne Verbindung zur darunterliegenden Schneedecke. Ich erinnere mich nicht mehr exakt, aber es dürfte für die Mulde in gedachter Verlängerung unserer Spur durchaus zutreffen. Wir sind stattdessen vorher nach rechts abgefahren.
Vor uns liegt dieser Kessel. Wunderschön, aber mit Respekt zu behandeln.
Und selbstverständlich nur einzeln zu befahren. Am Ende dieses Kars sind wir dann zwischen den Felsen nach rechts gequert, um in den 2. Hang zu gelangen.
Im Rückblick unsere Spuren im 1. Hang.
Das ist dann schon der 2. Hang von unten gesehen. Wir sind von rechts aus dem 1. Hang kommend hineingequert.
Dann geht es erstmal eher flach weiter. Man sieht es bereits an den Rutschungen von rechts: Der Schnee ist hier zunehmend durchfeuchtet.
Kein Sulz hier, dafür müsste der frisch gefallene, durchfeuchtete Schnee wieder gefroren und erneut getaut sein. Uns erwartet "schöner" schwerer Pappschnee.
Der Übergang in den flachen Grund des Mühlbachtals.
Bachqueerung. Alles worauf wir hier noch unterwegs sind, ist Neuschnee aus den letzten 24h.
Die ersten Gebäude der Schaunbergalm kommen in Sicht.
Auf Pappschnee geht es in gemächlichem Tempo hinab. Bis Niedernsill ist es noch ein weiter Weg.
Und der ist dann auch schnell wie erwartet gänzlich schneefrei. Auf uns warten 6km Fußmarsch mit den Ski am Rucksack. T packt da in Bochum gerade ihren Koffer für eine Woche Beachvolleyball in Portugal...
Ab hier noch noch ein knappes Stündchen.
Kurz vorher hatte Freeriderin ihr Handy gezückt "Ich bin's. Wir wären so in 10 Minuten da, hast du fünf Kaltgetränke für uns?" Wenig später sitzen wir auf der Terrasse eines Bauernhofs in Niedernsill und trinken unser Bier, während wir auf das Taxi warten. Wenn man sich das auf der Karte oben nochmal vergegenwärtigt, sind wir ganz schön weit weg von unseren Autos bei den Gletscherbahnen. Die Taxifahrt kostet uns dann auch gute 20 Minuten.
Und eigentlich wollte ich ja von dort dann direkt weiterfahren Richtung Westen. Für den Folgetag ist richtig schlechtes Wetter mit viel Niederschlägen angekündigt (in manchen Staulagen der Ostalpen sollte nochmal bis zu einem Meter Neuschnee zusammenkommen) mit mittelhoher Schneefallgrenze. Andererseits ist die Zeit durchaus mittlerweile vorangeschritten. "Wir gehen nachher raus essen in Leogang. Komm doch mit!". Wenig später stehe ich an der Rezeption im Woferlgut, entschuldige mich, dass ich am Morgen ausgecheckt habe, sie das Zimmer sicher schon geputzt haben und ich jetzt doch gerne noch eine Nacht bleiben möchte. "Kein Problem, aber ich muss sie warnen: Das könnte etwas gruselig werden, sie sind in der Nacht dann der einzige Gast im Alpenblick und komplett alleine im Haus." Interpretationsfehler: Man hat keine Angst davor in einem einsamen Haus ganz alleine zu sein. Man hat Angst davor, dass man es eben doch nicht ist.
Das Restaurant besitzt dann ein durchaus funktionsfähig aussehendes Design-Highlight in Form eines Klettersteigs. Hätte ich das mal vorher gewusst, in meinem Auto liegt ein Sicherungs-Set, aber ich bin nicht selbst gefahren. Das Essen ist exzellent, die Gesellschaft wie den Tag über sowieso und ich habe irgendwann dann auch nicht versucht zu verheimlichen, das meine Augen ein wenig schwer werden. Mir wird aber zu Gute gehalten, ich hätte auf meinen "Zahnstocher-Ski" ja auch mehr arbeiten müssen. Daran liegt's - ganz bestimmt.
In der Nacht hat mich dann niemand aus dem Alpenblick geklaut, am nächsten Morgen regnet es in Strömen vor dem Fenster als ich erwache. Zügig aufstehen, bis in den Westen Tirols durchziehen und noch auf eine Hütte aufsteigen war der ursprüngliche Plan. Ich will den Wetterbericht noch einmal sichten, aber irgendwie klicke ich dabei wohl ganz aus versehen auf "12:00 Uhr, Kaprun - Sportmassage buchen." Ups. Die Zeit bis dahin überbrücke ich mit dem Frühstücksbuffet, einer Stunde joggen im Regen und dem Wellnessbereich des Woferlguts, nachdem ich das Zimmer schon geräumt habe. Gegen 14 Uhr bin ich wieder auf der Straße.
To be continued...
Epilog
Jeder, der das Privileg hat, frei reisen zu können, nutzt das auf andere Weise. Wir alle kennen die großartigen Abenteuer jener hier im Forum, die alleine gereist sind und darin wohl ihren Frieden finden. Jedem das seine, für mich waren und sind neben den Bergen auch die menschlichen Begegnungen immer Highlights am Wegesrand gewesen. Das Alpinforum war der Ursprung für viele reale Kontakte die geknüpft wurden, bis heute gehalten haben und bei denen noch immer neue dazu kommen. Die "älteren" unter uns kenne noch das Internetzeitalter vor den sozialen Netzwerken, als die Foren-Kultur ihre Hoch-Zeit und noch eine ganz andere Bedeutung hatte. Um so erfreulicher, dass mir dieser Ort hier bis heute auch einen Wert beim realen Reisen geschaffen hat. Um so mehr bedrückt mich bis heute ein wenig die sicher nicht unbegründete Fragmentierung dieser Community, aber es bleibt die Gewissheit: Selbst wenn das ganze Internet gelöscht würde, die Berge bleiben! Und zahlreiche Telefonnummern in meinem Handy.