Ischgl, 4.5.2025
So the party is over now
they switch out the streetlights
the best moments like Polaroids
we keep them in our minds
(aus: "Last Order" von Fury in the Slaughterhouse)
Die Einleitung konnte ich mir 1:1 vom Saisonclosing 2024 kopieren, der Winter selbst glich dem vorherigen aber in keinster Weise. Gerade in den mittleren und noch viel schlimmer, den östlichen Alpen, verlief er denkbar schneearm. Erschwerend kam nun Anfang Mai eine mehrtägige frühsommerliche Witterungsperiode hinzu. Was an Resten noch da war, dezimierte sich täglich. Die vorherigen Tage hatte ich anderweitig skitourengehend verbracht, am Abend des 3.5. kam ich dann im Hostel Homebase Tirol am Taleingang oberhalb von See an. Mir Luxus zu gönnen, erscheint mir im Paznaun seit Jahren unabhängig vom Kontostand ein unverhältnismäßiges Invest.
Der Abend begann und endete mit zwei Unbekannten in der Hostelküche und ich habe eine Weile gebraucht bis ich begriffen habe, das mir da die ganze Zeit @flamesoldier gegenüber sitzt. Wie groß darf der Zufall heute Abend sein? Antowrt: Ja! Zum gemeinsamen Skitag kam es leider nicht, er hatte - bei dem Wetter verständlich - für Sonntag die Heimreise geplant.
Stichwort Wetter: Nach mehreren Tagen ungetrübtem Sonnenschein war über Nacht ein nach Sommer riechender Regen hereingezogen, der bis ca. 2700m für eine weitere Erhöhung des Slush-Ice-Faktors sorgte und darüber für eine dünne Auflage feinstem Brems-Papp-Schnee. Ich hatte es bestens nachvollziehen können, dass @Arlbergfan bei der vorangegangen Planung für diesen Tag eine weitaus einladendere Klimazone vorgezogen hatte. But you never ride alone if you don't want to. Das ich dann ausgerechnet mit zwei Snowboarderinnen und einem Snowboarder den Tag verbringen und als Zweibrettfahrer in der Minderheit sein würde, war allerdings ungewohnt.
Waren Ort und Skigebiet laut Erzählungen am Vortag wegen des großen Abschlusskonzerts auf der Idalpe noch voll wie in der Hauptsaison, hatte ich für heute erst noch den Alternativ-Titel "Zombie-Apokalypse" in Betracht gezogen. Wir waren beinahe die einzigen Überlebenden in einer unwirtlichen Welt.
Wenn man mit nichts rechnet, ist Enttäuschung zwar weiterhin möglich, aber ich wurde positiv überrascht. Die in ihrer letzten Substanz fast überall gänzlich auseinanderfallenden Pisten war in so schlechtem Zustand, dass es schon wieder großartig war - die Faszination des Morbiden. Der ganze Tag war ein einziges großes Restschneeabenteuer. Außergewöhnlich daran ist, dass dies in Ischgl passiert. Das Gebiet ist so schneesicher, dass selbst beim Saison-Abschluss häufig noch in vielen Sektoren gute Verhältnisse geboten werden können. Nicht so heute - es folgt zur Dokumentation eine Bilderstrecke:
Programmierter Spätstart in den Tag, da für den Morgen und frühen Vormittag der angekündigte Regen nieder ging. Als dann vor dem Küchenfenster der Himmel sich das erste Mal anschickte aufzugehen, war das Timing perfekt für das 11:30 Uhr-Ticket.
Von See bis Ischgl kam mir im Schritttempo eine einzige große Abreisekolonne entgegen.
Auffahrt in der Pardatschgratbahn. Der Prennerhang geht im Mai häufig inoffiziell noch ganz gut. Heuer nicht.
Blick Richtung Fimbatal. Ein paar dahinsiechende weiße Bänder, mehr nicht.
Pardatschgrat - ungewohnt schneelos.
Vergleicht man das mit den Fotos im Forum von vor nur wenigen Tagen, ist der fortschreitende Zerfall schon beachtlich. Die Abfahrt zur Mittelstation hat es bereits dahingerafft. Einzig über eine zusammengeschobene Trasse kommt man noch vom Pardatschgrat bis zur Pardoramabahn.
Nämlich hier entlang. Das Ding ist tatsächlich noch geöfffnet.
Selbst hinten am Horizont Richtung Fluchthorn in meinem Haus-und-Hof-Tourengebiet in der östlichen Silvretta, wird es bereits löchrig.
Verstorbene Mittelstations-Variante
Dito.
Auftakt: Idjoch-KSB
Sektor Alptrida/Visnitz.
Visnitz-KSB
Viederjoch 1
Sprung ins Höllkar - Blick zum Sasgalun: Der lief tatsächlich noch als Zubringer zur Paznauner Taja (die geschlossen war...). Offizieller Rückweg aber nur über Höllspitze.
Höllboden
Palinkopf. Man beachte die Gleitschneelawine.
Blick in den geschlossenen Bereich Gampen.
Dito
Ziehweg Palinkopf->Paznauner Taya.
Die Taya im grünen Matsch. Die weißen Bänder wurden in den Vortagen mit herangekarrtem Schnee zusammengeflickt.
Blick zur Idalpe.
Höllspitz-KSB
Zurück im Höllkar bei den Resten der Sasgalun-Abfahrt.
Idalpe ohne Menschen, dafür aber mit Resten vom Konzert.
Velliltal. War am Vormmittag noch offen, wir waren zu spät. Mittlerweile abgesperrt und die Vellileckbahn garagiert.
Fimba-West vom Pardatschgraht. Der obere Teil eine der besten Abfahrten des Tags - Slushed-Ice-Surfen par Excellence.
Auf der Breite einer Raupenspur zusammengeschobene Reste kurz vor der Pardorama-Talstation.
Selbige
Langsam verfinsterte sich die Endzeitstimmung. Während die ersten KSBs um die Idalpe garagiert wurden, begann es langsam zu Regnen. Das Ende war nahe!
Ein letztes Mal fuhren wir vier hinab ins Höllkar zur einzigen noch laufenden Bahn.
Zurück auf der Idalpe, nun steht wirklich alles und es wird langsam Zeit.
Außer uns ist hier sonst niemand mehr mit Wintersportgerät.
Die Stimmung ist dennoch oder gerade deswegen stabil.
Regennass sind wir uns einig: Es ist gut, es ist das Ende.
Als ob man dies noch unterstreichen wollte, sind alle Abfahrten mittlerweile auf Rot geschaltet. Wir habe's verstanden.
Mein absoluter Respekt an die Ischgler, dass sie das Spielchen einfach mitgespielt haben. Bei den paar Leuten im Gebiet und den desolaten Verhältnissen hätten sie ohne das man ihnen hätte böse sein können, auf jeder Seite zwei Lifte öffnen können. Taten sie aber nicht - sie öffneten alles, was noch irgendwie so gerade eben ging. Einfach weil sie es konnten und damit die paar Verrückten die wollten, noch einen guten Tag haben konnten. Danke dafür!
Auf dem Weg durch den Arlberg bis nach Feldkirch begleitet mich nun kräftiger Dauerregen. T fragt mich von daheim, ob mir der Abschied vom Winter schwer gefallen sei. Er war kein guter, wahrlich nicht, ich hatte nur das große Glück und Privileg, heuer viel daraus machen zu dürfen. "Schlechter kann es ja nicht mehr werden" war besonders in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht auf dieser Welt eine gewagte These, dennoch hat der Winter 2025/26 gute Karten, ein besserer zu werden. Ab heute sind es noch 207 Tage bis zur Saisoneröffnung in Ischgl. Vorausgesetzt, die Welt existiert bis dahin noch. Aber auch was da angeht, bleibe ich grundsätzlich zuversichtlich.
To be continued in 2025/26 season.