22./23.8.2005
Let It Rain, Let It Rain
Till the sun comes back again
The answer is your only friend
So Let It Rain, Let It Rain
Yes, I know we'll meet again
We will be there until the end
(aus: "Let it rain" von Gotthard)
Prolog
Bereits der Juli 2005 war ein recht nasser im Alpenraum gewesen und auch die erste Augusthälfte war mit markanten Niederschlagsereignissen deutlich zu feucht. Ich bin am 27.8.1982 geborener und sah gerade meinem 23. Geburtstag entgegen. Ich hatte erst wenige Tage zuvor den sehnlichst erhofften Bescheid über einen Studienplatz im Nachrückverfahren von der ZVS (Zentrale Vergabestelle für Studienplätze) erhalten. Im Paznaun hatte ich 1990 Skifahren gelernt und als Kind diverse Familienurlaube dort verbracht. Warum gerade der recht enge Talgrund in Ischgl mir als ein attraktives Ziel für einen Wanderurlaub mit meiner damaligen Freundin erschien, weiß ich heute nicht mehr. Wir waren am Sonntag, 21.8. angereist. Für diejenigen unter uns, die NOCH jünger sind als ich: 2005 bedeutete Fotos im Urlaub machen noch, dass man auch für Standard-Schnappschüsse eine Digicam besitzen und mitschlörren musste. Videos damit aufzunehmen ging schon, aber Auflösung und Qualität waren auch bei Tageslicht nicht sonderlich gut und in der Dämmerung eigentlich zu vergessen.
Ab Dienstag Nachmittag war endlich besseres Wetter angesagt, bis dahin würden wir uns schon ausreichend beschäftigen. Aber der Urlaub endete, bevor er begann. An viele Szenen kann ich mich gut erinnern, der Rest ist aus der Chronologie meiner Aufnahmen rekonstruiert.
22.8.2005 - Die Flut kommt
Die Wetterberichte wiesen bereits auf ergiebige Regenfälle hin. Mobiles Internet war noch nicht etabliert und Datennutzung im Ausland schon gar nicht. Tech-Nerds hatten höchstens ihren Laptop dabei und hofften auf WLAN. Praktisch gesehen war man meistens aber einfach offline und hörte gelegentlich mal Radio für einen aktualisierten Wetterbericht. So wussten wir, dass es bis Dienstag Mittag noch durchzuhalten gäbe und wir dann endlich zu ein paar Touren aufbrechen könnten, doch es sollte anders kommen.
Unsere Unterkunft befand sich im kleinen Weiler Kichali fußläufig vom Ischgler Zentrum auf der anderen Seite des Flüsschens Trisana nahe der Mündung des Fimbabachs.
Der Tag war so ungemütlich, dass wir nur ein bisschen durch den Ort spaziert und Mittags während einer Regenpause mit dem Auto zum Koopsstausee hochgefahren sind. Das Foto ist von 12:54 Uhr.
Stündliche Niederschlagssummen der Wetterstation Kappl-Oberhaus des Hydrographischen Dienst des Landes Tirol. Mit jedem Kilometer weiter westlich sind die Mengen noch größer gewesen. Als der Regen am Mittag langsam wieder einsetzt um bis in die Nacht hinein an Stärke stetig zuzunehmen, wird er bis zum nächsten Morgen nicht mehr aufhören und ein Jahrhundertereignis auslösen. Vorangegangen war bereits im Juli im Rahmen eines Vb-Tiefs eine markante Hochwasserlage in Teilen der Alpen. Die Böden waren bis in den August hinein vollständig gesättigt.
Das vom Balkan Richtung Polen ziehende Tiefdruck-Gebiet (keine ganz klassische, aber eine Vb-artige Wetterlage) führte von der Adria östlich um die Alpen herum feuchte Luft mediteranen Ursprungs in einem Bogen von Deutschland aus gegen die Alpen und drückt so am 22.8. ein langes Band von Starkniederschlägen von Norden gegen das Allgäu, Tirol, Vorarlberg, und Teile der Ost-Schweiz. Von all dem wissen wir zu dem Zeitpunkt allerdings nichts, wir sehen nur, dass es immer stärker regnet.
18:41 Uhr
Ich fotografiere die Trisana vom Balkon unserer Ferienwohnung. Von einem kleinen plätschernden Sommerbach ist sie ein trübe rauschendes Flüsschen geworden.
19:36Uhr
Innerhalb einer Stunde hat sich nicht mehr viel getan am Wasserstand. Im Rückblick spannend, dass ich zu einer Zeit, wo die Kapazität von Speicherkarten noch in MB angegeben wurde, weil ein GB oder gar mehrere noch technische Utopie waren, mehrfach die Trisana fotografiert habe. Als ob ich es schon geahnt hätte.
Wir entschließen uns, raus zum Abendessen nach Mathon zu fahren und kehren in der Walserstube ein. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich beim Bezahlen die Kellnerin frage, ob hier Hochwasser im Tal eigentlich ein Thema sei. Sie winkt ab "Ah, die isch noch nie überkchimme!" Im Forum anwesende Tiroler mögen mich gerne in meiner Dialekt-Immitation korrigieren.
21:44Uhr
Wir sind vom Essen zurück im Apartment. Um in der Dunkelheit überhaupt irgendetwas mit den damaligen technischen Möglichkeiten ablichten zu können, knipse ich dieses Mal flussaufwärts den Fimbabach.
Wir öffnen eine Flasche Rotwein. Irgendwann klopft es an der Wohnungstür. Unsere Vermieterin hat vom Nachbarn der bei der Freiwilligen Feuerwehr ist eine Warnung bekommen, um absolut sicher zu gehen, doch vielleicht die Autos ein Stückchen umzuparken. Mit Blick auf das junge Pärchen in trauter Zweisamkeit nimmt sie lachend meinen Autoschlüssel mit. Wir sollen doch mal lieber schön auf dem Sofa bleiben, sie macht das schon.
In der nächsten Stunde ist die Stimmung im Weiler irgendwann umgeschlagen. Draußen auf der kleinen Straße sammeln sich Leute, der Hotelier von gegenüber beginnt die Zufahrt zu seiner Tiefgarage zu verbarrikadieren. Man will sich gegen das kleine Regenwasser-Rinnsaal auf der Straße absichern.
23:20 Uhr
Als ich das erste Mal nach unten gehe, entsteht gerade nur für alle Fälle gegen das Regenwasser ein improvisierter Schutz im Haupteingang, der am unteren Ende des Bintawegs liegt.
23:22 Uhr
Der einen Meter tiefer gelegene St.Antonisweg auf der anderen Seite der Häuser, also der dem Flussbett abgewandten Seite ist selbst zu einem kleinen Fluss geworden. Jetzt ist klar, dass die Trisana oberhalb über die Ufer gegangen sein muss und den Weiler umspült. Jetzt geht es auf jeden Fall alles ganz schnell. Ein kleines Rinnsaal schlammig braunen Wassers kommt nun auch den Bintaweg zwischen den Häusern hinab geflossen.
23:25 Uhr
Ein Anhänger steht Bintaweg Ecke St-Antoniusweg mit den Reifen wenige Zentimeter im Wasser.
23:26 Uhr
Der improvisierte Schutz in der Einfahrt der Tiefgarage des Hotels Castel.
23:26 Uhr
Gerade noch denkt man, das müsste jetzt eigentlich der Höhepunkt sein und man muss halt schauen, dass die Barrikaden so lange möglichst dicht bleiben. Unsere Vermieter sind gerade dabei, mit allem was geeignet erscheint, den Damm in ihrer Eingangstür zu verbessern.
23:28 Uhr
Das Wasser ist in nur drei Minuten so schnell gestiegen, dass der Anhänger sich nicht mehr hält und fortgespült wird.
23:32 Uhr
Der Bintaweg liegt im Moment noch den entscheidenden Meter höher, so dass das Wasser hier noch Gummistiefel-Tiefe hat und sich gut mit einfachen Mitteln abhalten lässt.
0:09 Uhr
Ich fotografiere noch einmal hinter das Haus auf die Trisana. In der letzten halb Stunde ist das Wasser nicht mehr merklich gestiegen, der Scheitel scheint erreicht.
0:14 Uhr
Selbst die einfachsten Dämme tun ihren Dienst.
0:16 Uhr
Ich gehe nochmal ums Haus, auch der zwar dramatisch rauschende Fimba-Bach scheint sich in der letzten halben Stunde nicht mehr verändert zu haben.
0:41 Uhr
Dachten vor zwanzig Minuten noch alle, es sei im großen und ganzen ausgestanden, brechen nun wörtlich wie sprichwörtlich alle Dämme. Der Wasserstand macht binnen Minuten riesige Sprünge, die Tiefgaragen beginnen vollzulaufen, der Bintaweg wird zu einem immer reißenderen Strom und die Menschen haben sich in ihre Häuser geflüchtet. Man hört nichts mehr außer dem immer stärker werdenden Getöse der Wassermassen.
Ich weiß noch, dass wir zu dritt - der Vermieter, sein Bruder und ich - auf einem Berg aus allerlei Zeug hockend, versuchen, den Eingangsbereich irgendwie gegen die Wassermassen zu halten, während die Frauen noch hastig ein paar Dinge aus der Erdgeschosswohnung tragen. Ich erinnere mich noch an eine ausgehängte und quer vor den Haupteingang gelegte Tür. Doch irgendwann ist klar, die Schlacht ist verloren, das Haus wir vollaufen. Wir schließen die gläserne Tür des Windfangs im Eingangsbereich und alle bringen sich in die erste Etage in Sicherheit.
1:13 Uhr
Ich gehe als letzter die Treppe hinauf, drehe mich noch einmal um und drücke auf den Auslöser. Es ist keine optische Täuschung. Das Wasser steht im Windfang bereits einen Meter hoch und quillt durch alle Ritzen. Erstaunlich, dass das Glas hält. Offenbar noch solide tiroler Wertarbeit.
Das letzte Foto - der Versuch die Erdgeschosswohnung zu schützen war gut gemeint. Irgendwann brechen die Türen und das Wasser steigt und steigt.
Wir und die Vermieter-Familie sind die einzigen im Haus. Wir verbringen die Nacht in der 2. Etage, das Wasser erreicht im Treppenhaus nur um zwei Hand breit nicht das 1. Stockwerk. Die Geräuschkulisse ist unbeschreiblich und man hat das Gefühl, das ganze Gemäuer vibriert in der Frequenz des dumpfen Getöses des Wassers. Der Strom ist längst ausgefallen, es ist dunkel und draußen peitscht der Regen. An eine Flucht irgendwomit irgendwohin ist natürlich nicht zu denken. Möge dieses Haus halten. Die nächsten Stunden bringen ein paar fahrige unruhige Stunden aus Schlafen und Wachliegen.
In der ersten Morgendämmerung offenbaren sich langsam die Dimensionen dessen, was hier heute Nacht passiert ist. Die ersten Hubschrauber sind in der Luft und verschaffen sich einen Überblick über die aus den Häusern zu rettenden Menschen.
Das muss so gegen 6:30 Uhr sein bei etwas mehr Helligkeit.
6:26 Uhr
Der St.Antoniusweg und das Hotel Castel.
6:26 Uhr
St.Antoniusweg und die kleine Kapelle. Erstaunlich, dass der Transporter sich gehalten hat.
6:27 Uhr
Das Wasser hatte es beinahe bis in die 1. Etage geschafft. Gesunken ist es bis jetzt kaum.
Der Rettungshubschrauber des ÖAMTC unternimmt einen Versuch zum Direktanflug auf den Dachbalkon zur direkten Personenaufnahme über die Kufe, der Dachüberstand ist aber zu groß.
Ein Hubschrauber der Bergrettung übernimmt und bereitet die Rettung per Tau vor.
Als erstes werden die Kinder ausgeflogen. Wir werden nicht in den Hubschrauber hinaufgezogen sondern am Tau gemeinsam mit dem Flugretter in die Höhe und dann an einem größeren Platz im Dorf abgesetzt und gesammelt.
Im Hotel Salnerhof, welches einem anderen Mitglied der Familie unseres Vermieters gehört, werden wir freundlich aufgenommen. Nach der ersten warmen Dusche und einem Blick vom Balkon Richtung Trisana denke ich da noch, dass dieses Hochwasser auf tragische Weise ein paar besonders nah am Fluss gebaute Häuser hier im Ort betroffen hat.
Die nächsten Stunden am Radio und meine ersten kleinen Erkundungsgänge bringen dann die Gewissheit, dass der Begriff "Jahrhundertereignis" hier womöglich keine Übertreibung sein sollte.
Und auch wenn wir aus der Gefahr gerettet sind, hat unser kleines Abenteuer erst angefangen.
Es wird Tage dauern, bis wir das Tal überhaupt verlassen können. Die Schäden, die wir und andere in der Folge dokumentieren, übertreffen unsere Vorstellungskraft als junge Bergtouristen.
To be continued...