Skitour Glockturm 3353
2.5.2026
There will come a time
when we look back and find out
My, oh, my, it seems somehow
The good old days are always now
(aus: "Always now" von F.i.t.s.)
Der Glockturm (die Schreibweise ist korrekt so - ohne "en") ist ein wundervoller alpiner Tourengipfel mit schönem Gipfelstock und grandioser Aussicht über große Bereiche der Zentralalpen im hinteren Teil des Kaunertals in der Nachbarschaft zum Gletscherskigebiet. Er bietet sich als Skitour im Frühjahr oder nach sehr schneereichen Wintern sogar noch im Frühsommer mit dann oft nur kurzer Tragestrecke an, weil man auf 2320m Höhe direkt an der Straße zum Gletscher startet. Die oft üblichen Fußmärsche oder Zuwege mit dem Mountainbike Anfang Mai entfallen hier. Nachdem man mit dem Auto die Zufahrt zum Parkplatz an der Ochsenalmbahn 1 links liegen gelassen hat, folgt drei weitere Straßenkehren später nach ein paar hundert Metern am rechten Straßenrand ein bei gutem Wetter oft schon in der früh mit Autos gesäumter Parkstreifen. Hier öffnet sich nach rechts weg das Riffltal (nicht z.B. mit dem im Pitztal zu verwechseln, offenbar hat jedes zweites Tal in Tirol sein eigenes Riffl-Seitental.
Nach der Tour auf den Piz Tasna am Vortag war meine Tourenpartnerin aus Innsbruck auch heute wieder mit von der Partie und so startete mein Tag mit dem kurzen Abstecher von Prutz zum Bahnhof Landeck zum Einsammeln und dann retour hinein ins hintere Kaunertal.
Hier lohnt sich ggf. mal ein Klick auf das Foto zum Vergrößern. Ich habe die Karte incl. der Lifte auf dem Kaunertaler Gletscher beschriftet und für Interessierte auch noch die beiden LSAP-Gletscherlifte Nörderjoch 2 und 3 eingetragen.
Zu dieser Jahreszeit bricht man meist richtig früh auf, je nach Steigung mit Harscheisen an den Ski, um vor der "Mittagshitze" den Gipfel zu erreichen. Das tut man erstens auf Grund der im Tagesverlauf stark steigenden Lawinengefahr und zweitens in der Hoffnung auf ein gutes Timing "Auf Eis rauf, auf Butterfirn runter".
Mit der ÖPNV-Anreise aus Innsbruck und dem langen Gegurke ins hintere Kaunertal sind das nicht unbedingt die bestens Voraussetzungen für einen frühen Aufstieg, ohne sich im Urlaub mit einem gar zu harten Wecker selbst zu traktieren. Die Lawinengefahr ist heute sehr günstig, durch die vergangenen sehr warmen Tage sind die meisten kritischen Hänge bereits entladen. Die tückische bodennahe Schwachschicht des Winters, welche für einen Großteil der heurigen Lawinentoten verantwortlich war, hat sich mit der tiefgreifenden Durchfeuchtung bis in große Höhen endlich erledigt und die Route auf den Glockturm ist bei guter Spurwahl verhältnismäßig sicher.
Wir können direkt vom Auto aus mit Ski losgehen. Wir sind heute die letzten die starten, aber nicht die letzten die oben ankommen.
Das Riffltal ist startet gemütlich. Wie schon am Vortag perfektes Wetter.
Ich weiß nicht, wie hoch die Frostgrenze diese Nacht gelegen hat. Nach dem ersten Kilometer gehen wir bereits im T-Shirt. Ich liebe diese Frühlingstouren.
Im Rückblick öffnet sich erstmalig der Blick auf die desaströs geschrumpfte Zunge und die große Hochfläche des Gepatsch-Ferners.
Nach wie vor seicht geht es ins hintere Riffltal.
Hier zweigt nach links eine der Routen auf den Habicht ab.
Da hinten in Bildmitte kommt der Gipfelstock des Glockturm das erste Mal in Sicht. Aus dieser Perspektive sehr unspektakulär. An dieser Stelle hat sich die Aufstiegsroute sehr verändert in den letzten zwei Jahrzehnten. Eigentlich ging man hier über den kleinen Rifflferner einfach geradeaus weiter. In den meisten Karten ist er noch als Rest verzeichnet. Die letzten Sat-Bilder aus dem Sommer zeigen allenfalls Toteisreste. Jetzt ist hier eine Felswand, die man links umgehen muss.
Um dann durch das steile Band zu queren ehe man auf dem breiteren Rücken bis zur Glockscharte hinauf kommt.
Hier offenbart sich dann das erste Mal der Blick auf unseren wunderschönen Gipfel. Mit der Handykamera gar nicht richtig einzufangen, rechts fällt die Flanke noch viel weiter ab - ungefähr von 3353m bis auf 2750m hinab ins hintere Ende des Pfundser Tals.
Der höchste Gipfel Richtung rechter Bildrand ist die Weißseespitze. Folgt man dem Grat entlang nach links, folgt gute 200 Höhenmeter tiefer (knapp rechts der Bildmitte) der markante Vorgipfel "Zahn" für den es Erschließungsphantasien mit einer PB gibt. Dahinter öffnet sich das weite und elends flache große Becken des Gepatsch-Ferners. Die Rückseite von Zahn und Weißseespitze haben ein bisschen Gefälle - würde für eine blaue Piste mit SL reichen. Ich persönlich bin kein Freund der Erschließungsphantasien hoch zum Zahn und mit einem SL auf die Rückseite. So attraktiv ist das Skigelände nicht. Ich bin der Ansicht, dass wenn das Gebiet hier hinten drin überleben will, sie stattdessen den Ausbau als gletscherfreies Höhenskigebiet weiter vorantreiben sollten - was sie mit der Neuerschließung der Geländekammer zum Weißseejoch ja auch unlängst getan haben.
Das ganze nochmal etwas gezoomt und mit den Elementen des Skigebiets (incl. LSAP-SL) beschriftet. Der Blick durch Klick in die große Version lohnt sich. Schön zu erkennen entlang der ehemaligen Trassen von Nörderjoch 2 und 3 der die Aufstiegsroute hinauf zum Nördergrad und diesen entlang zur Weißseespitze.
In diese ganzen Panoramen muss man sich einen Moment eingucken. Hier sieht man im Zoom das Skigebiet von Scoul und rechts zum Bildrand hin in der Ferne den sehr charakteristischen dreigipfligen Aufbau des Fluchthorn im hinteren Fimbatal. Ischgl-Urlauber kennen den Berg, nur nicht so ganz aus dieser Perspektive.
Untypische Perspektive auf Serfaus-Fiss-Ladis. Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich links Komperdell und im rechten Drittel das Schönjoch als solches erkannt habe. Aus der Perspektive sieht man erst mal, wie langgezogen die Querfahrt vom Sattelkopf rüber nach Komperdell ist.
Die vorherigen Fotos sind noch gar nicht vom Gipfel entstanden sondern aus der Scharte unterhalb davon. Die weiße Flanke hoch zum Rücken ist steiler als es aus den Fotos aussieht. Geht per Ski wenn man Bock auf Technik und Zeit hat. Zu Fuß geht in der Regel bei sowas schneller und mit weniger Kraftaufwand.
Wir haben uns wie die meisten für das Skidepot und den kurzen Weg zu Fuß entschieden. In der Tat überholen wir die tapferen Recken, die ihre Ski an den Füßen mit hoch nehmen.
Oben ist es wunderbar und wie fast immer unter Tourengehern entspannt und zufrieden. Ungewöhnlich, dass an einem so ausgesetzten Gipfel auch ganz oben kein Lüftchen geht. Hat man selten.
Obligatorische Gipfelbuchlektüre.
Die Karte zeigt die weitere Umgebung um das Gebiet vom Paznaun bis zum Reschensee. Der nicht so ganz ortskundige kann die Lagebeziehungen dann etwas besser einordnen.
Hier musste ich auch zu Hause erst mit GoogleEarth nachrecherchieren. Schaut man auf die Karte, kann Nauders nicht sein - das Gebiet kann man vom Glockturm aus nicht sehen. Tatsächlich ist es die Haider Alm am südlichen Ende des Reschensees. Man sieht den See im Talgrund knapp nicht, aber die Lagebeziehung zu den Gipfeln im Hintergrund und auch der im Zoom zu erkennende aufgelassene obere SL wieso die Lawinenverbauungen stimmen mit den Sat-Bildern überein.
In der Mitte der Freibrunner Ferner. Ging zur Jahrtausenwende auch noch bis in den Talgrund. Links der höchste Gipfel ist der Äußere Bärenbadkogel.
Flaginjoch im Skigebiet aus untypischer Perspektive
Fluchthorn im Zoom und links davon im Hintergrund so einige Silvretta-Prominenz (die Gebirgsregion, nicht des gleichnamigen Ski-Areal.
Ich bin mir nicht ganz sicher, welcher der zahlreichen sich überlagernden Spitzen in Bildmitte wohl der Piz Tasna vom Vortag ist.
Wir rüsten uns für den Rückweg
Traumtag. Könnte es mir von den Bedingungen nicht besser vorstellen.
Ein bisschen Firn, ein bisschen Slush-Surfen. Geht alles aber richtig gut.
Straße kommt in Sicht.
Nicht nur ich bewerte den Tag als gelungen.
Nach dem obligatorischen Abstecher zurück zum Landecker Bahnhof lege ich dich Füße hoch und genieße die Nachmittagssonne und den Blick hinauf zur Burg Ladis.
Wenn ich bedenke, wie lange ich gezögert habe, ob ich mir die 750km Anfahrt für drei Skitage antue - ich bin sehr froh, es gemacht zu haben. Ein würdiger Abschluss eines für Tourengeher und Freerider insgesamt schlechten Winters. Er war in den Zentralalpen bis in den März hinein schneearm und mit einem untypisch lang bis in den Frühling hinein persistierenden, extrem ausgeprägten Altschneeproblems in Form einer bodennahen Schwachschicht tükisch, was sich in der überdurchschnittlich hohen Zahl der Lawinentoten widerspiegelt. Morgen geht es noch zum letzten Öffnungstag nach Ischgl, aber heute war der letzte Tag meiner Touren-Saison des Winters 2025/26.
Die beide Tagen haben für mich auch unterstrichen, dass das Internet noch einen persönlichen Mehrwert bietet. Meine Tourenpartnerin und ich kannten uns vorher nicht. Da meine Frau mit dem Winter bereits abgeschlossen hat (schon Anfang Mai -skandalös eigentlich) und ich nicht unbedingt alleine gehen wollte (was ich trotz des höheren Risikos durchaus zu schätzen weiß an manchen Tagen), hat es sich so zufällig über eine der diversen Tourenpartner-Gesucht-Börsen gefunden. Und welchen Wert hätten sogenannte soziale Netzwerke, wenn sie stetig in unsozialen elektronischen Kontakten verharren würden?
Der Wert des Lebens besteht schließlich aus der Welt um uns herum und nicht aus der auf unseren Bildschirmen.