Auf der Suche nach alten Pfaden und einem geschickten Heimweg
23.2.2013
Ich war über zwei Wochen unterwegs gewesen, hatte Pisten in Frankreich, der Schweiz und Tirol befahren, nun stand der 800km lange Rückweg ins Ruhrgebiet unausweichlich bevor, denn ich musste zwingend Samstag Abend zu Hause sein. Ich hatte ein paar Nächte im Zillertal verbracht um den Wahnsinn einmal mit eigenen Augen zu sehen (und um den Gerlostein auf der Liste abzuhaken) und genau an jenem Samstag endeten auch die Krokosferien in den Niederlanden. Bis auf meine Begleiterin startete der Rest der Freunde um 7 Uhr morgens via der übliche Route Kufstein-München-Nürnberg-Frankfurt-Siegen in Richtung Heimat, in meinen Augen einem verkehrstechnischen Himmelfahrtskommando gleichkommend.
Ich wollte dreierlei erreichen: Eine staufreie Heimreise, die erste Hälfte jenen Samstages zu Skitag 16 des Urlaubs machen und ein weiteres Kleinod auf der Liste abhaken.
Meine Idee: Landeck/Venet. Die Theorie: Morgens im Abreiseverkehr sollte die A12 landeinwärts leer sein und am späten Mittag böte sich von Landeck aus die Rückreise über Arlberg/Bregenz/Würzburg/Frankfurt/Siegen an, damit ist die A9 und München weit umfahren und zur Abfahrtzeit in Tirol sollte die größte Welle deutscher und niederländischer Mitmenschen bereits vorüber sein. Bekanntlich klafft im Leben zwischen Theorie und Praxis häufig die ein oder andere Lücke, mehr dazu im Verlauf.
Aufbruch
Die anderen waren längst weg, meine Begleiterin und ich brachen gemütlich um 8 Uhr bei verhangenem Himmel am Rand von Mayrhofen auf und reihten uns in die fließende Kolonne talauswärts ein. Dabei beobachteten wir eine gewisse Dominanz an gelben Nummernschildern... An der Auffahrt zur A12 wurde es das erste Mal spannend, schon aus der Entfernung sah man die stockende Blechlawine in Richtung Deutschland. Unter der Autobahnbrücke durch ... auf die Auffahrt Richtung Innsbruck ... tadaaa ... leere Bahn, kein Auto zu sehen. Je weiter es das Inntal hinauf ging, desto mehr rissen die Wolken auf. Um halb zehn steigen wir bei strahlendem Sonnenschein aus dem Auto am Parkplatz der Venet-PB. Anika wollte trotz der Traumbedingungen einen Lesetag in der Sonne verbringen und ließ ihr Snowboard im Auto, gemeinsam fuhren wir hinauf und verabredeten uns für 1 Uhr zum Mittagessen. Ein großartiger Tag, keine Wartezeiten, bester Schnee, Sonne ... ihr kennt das. Außer dem Erleben meines persönlichen, schon fast bielefeldgleichen Mythos "Venet", ich wollte schon öfter hin und jedes Mal kam etwas dazwischen, hatte ich nichts vor.
Kurz vor dem Mittagessen dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen - es gab sehr wohl etwas zu entdecken: Die alte, ehemaligeTalabfahrt zur Talstation der PB! Einstmals war sie noch als Route ausgesteckt, mittlerweile ist sie aus den Pistenplänen vollständig verschwunden. Ich war völlig unvorbereitet, Fotokamera und GoPro lagen im Auto und der Akku vom Smartphone war fast leer *grummel*. Würde das Unternehmen trotzdem Sinn machen? "Ist die Talabfahrt runter nach Zams momentan gut zu machen?" "Es gibt leider keine, du musst mit der Gondel wieder retour fahren." "Ich weiß. Ich meine die alte." Damit besaß ich offensichtlich zumindest mehr Hintergrundwissen als der Standardtourist und hatte mich in den Augen des Liftlers trotz meines Hochdeutsch für weitere Auskünfte qualifiziert. "Die Standardvariante über die Staudacherhütte geht noch recht gut bis runter, die ist auch reichlich ausgespurt. Kannst du kaum verfehlen." Mir blieb also keine Wahl. Was konnte auch Schlimmes passieren (von Verletzungen abgesehen)? Im Schneelosen stranden und laufen - egal - und eine gewisse Stoppelackerkompetenz billigte ich mir mittlerweile zu. Oder ich fahre zu weit Richtung oberes Inntal ab und komme sonstwo raus ... wortlos übergab ich den Autoschlüssel an Anika ... ab jetzt auch egal.
Ich kann also wenig Detailreichtum bieten, weder einen GPS-Track (Akku wie gesagt fast leer und ich wollte wenigstens noch genug Kapazität für ein paar Schnappschüsse haben) noch gute Bilder (nur das Telefon dabei), aber genug, damit man sich Grundsätzliches zur ehemaligen Talabfahrt vorstellen kann. Ein Rückblick in die Historie:
Pistenkarte aus einem Skiatlas von 1982 - Einblick in eine vergangene Zeit. Abgesehen von den fehlenden Bahnen (die beiden KSB + die hier als Projekt eingezeichnete DSB Süd) offenbart sich die alte Welt, als Pisten nicht modelliert, beschneit, breit und regelmäßig gewalzt oder gar allgemein massentauglich sein mussten. Zahlreiche der damals eingezeichneten Pisten wären gemessen am heutigen Komfortskilauf nicht denkbar. Die Abfahrt vom Gipfel über Grist ganz hinab bis an den Inn nach Patscheid war nicht etwa nur ein verwegener Tourenabfahrtvorschlag, sondern wurde im zugehörigen Text gar als die längste Piste des Skigebietes beworben.
Ein Plan aus neuerer Zeit. Abgesehen von ein paar kleineren Pistenänderungen existiert hier noch die zur Route herabgestufte Talabfahrt nach Zams.
Die aktuelle Situation. Ohne die Bahn talwärts zu nutzen, kommt man nur nach Rifenal und dann mit dem Bus zurück zur PB nach Zams.
Blick ins Obere Inntal hinauf mit der DSB-Süd. Okay, hier oben kann man es auch mit einem Buch und offenen Augen in der Landschaft gut aushalten, aber warum, wenn man Ski im Auto hat.
Auf die Idee der Talabfahrtserkundung brachte mich diese Pistentafel an der Talstation der DSB Süd. Die alte Talabfahrt ist hier nur nachträglich übermalt. Sie verläuft, wie aus den alten Plänen natürlich bekannt, oberhalb der Staudacher Hütte vorbei in ein paar Bögen in etwa auf Trams zu und dann nach links hinüber zur Bergstation des Talschleppliftes.
Der Venet hat mich begeistert, die exponierte Gipfellage, die tollen Ausblicke (hier das Stanzertal hinauf).
Das Schild wurde nie ganz aktualisiert, die Talstation der PB ist noch als Ziel ausgeschrieben.
Die Mittelstation der PB ist in den Pistenkarten noch offiziell verzeichnet, warum man sie benutzen sollte, erschließt sich mir nicht ganz und ob sie wirklich noch betrieben wird, war unklar. Als ich dann auf der Suche nach dem Einstieg in die LSAP-Talabfahrt war, kam ich entsprechend an der Mittelstation vorbei und sie sah recht betriebsbereit aus, auch die LCD-Anzeigetafel am Ende des Stegs war in Betrieb. Aus der Nähe habe ich mir das Ganze nicht weiter angesehen, keine Ahnung ob es da eine Art Gondelrufvorrichtung gibt.
Will man nicht zur Mittelstation, kann man glaube ich auch noch etwas weiter oberhalb in den Ziehweg einsteigen, für mich ging es deshalb erstmal nach der Mittelstation etwas flach und nicht ohne aktives Zutun voran.
In lichter werdendem Alm- und Wiesengelände geht es dann bergab.
Ja, das war definitiv mal eine echte Skipiste.
Wunderbar!
Zwischendurch gab es mal wieder ein kleines Stück Ziehweg, anteilig aber sehr sehr deutlich in der Minderheit!
Blick zurück.
Der Wald wird offener, es ergeben sich unterschiedliche Varianten durch verschiedene kleine Schneisen, die bestimmt auch Abfahrten mit anderem Ziel ermöglichen. Ich hielt mich an das am meisten verspurte Gebiet.
Nichts mit Geländekorrekturen hier!
Warum gibt es so etwas Schönes heute bloß so selten?
Noch immer fehlt ein ganzes Stück bis zum Talboden.
An der ein oder anderen Stelle ist es nicht ganz so eindeutig, welches die ehemalige Abfahrt ist. Aber der grobe Orientierungssinn leitet mich richtig. Der Blick geht hier übrigens wieder das Stanzertal hinauf.
Das sieht wieder nach alter Pistenschneise aus.
Der Schnee wird langsam weniger - aber man ist ja anderes gewöhnt.
Nach links sah es auch ganz nett aus, vermutlich ergäbe sich damit dann eine der ganz alten Varianten nach Landeck, aber nach Zams muss man hier, also rechts, entlang.
Ob das gerade exakt die alte Abfahrt ist oder ich auf einer Nebenvariante gelandet bin - egal.
Unten bei der kleinen Birkengruppe geht ein Fahrweg von links nach rechts durchs Bild. Der führt uns zum Ziel.
Definitiv richtig, es geht quer am Hang entlang auf Imst zu.
Oben links in der Bildmitte kreuzt das Seil des Talschleppliftes, die Ausstiegsstelle ist etwas unterhalb.
Die PB-Talstation liegt etwas links des Liftes. Das Ziel ist erreicht.
Fazit: Der Venet ist ein genialer kleiner Skiberg. Ich bin auf die Abfahrten in diesem Bericht bewusst nicht eingegangen, aber sie sind viel besser, als es der vielleicht unspektakulär wirkende Pistenplan suggeriert. Zum Glück hat der Berg Rückhalt bei Politik und der Bevölkerung. Ich hoffe, es überlebt und kann in ein paar Jahren sogar die aufgeschobene Investition in den eines Tages fälligen Ersatz der DSB Venet-Süd und eine Beschneiung der zugehörigen Abfahrt stemmen. Ein kompletter Wegfall des Süd-Sektors wäre in meinen Augen wiederum ein Desaster.
Die ehemalige Talabfahrt ist eine sehr schöne Variante durch kleine Waldschneisen und Almen. Ich kann den Schritt der Bergbahnen verstehen, sie als echte Abfahrt aus dem Plan zu streichen, es müsste ein massiver Ausbau und eine Schneeanlage her. Vielleicht hätte man es aber bei der Aussteckung als Route belassen können, aber vermutlich hängt da auch wieder eine gewisse Sicherungspflicht etc. dran. Unter Einheimischen und Kennern wird sich die Abfahrt so oder so auch in Zukunft bei ausreichender Schneelage einer Fangemeinde erfreuen.
Zum Abschluss noch die Auflösung unseres Plan, staufrei abzureisen. Zur Erinnerung: Unsere Freunde starteten morgens um 7 Uhr aus Mayrhofen in Richtung Ruhrgebiet, wir um 8 in die Gegenrichtung zum Venet und von dort gegen 14:30 Uhr nach einem tollen Ski- bzw. Lesetag ebenfalls heimwärts. Wir flutschten in 7 Stunden entspannt ohne Stau heim und kamen nur 1 Stunde nach unseren völlig entnervten Freunden an, die den Tag auf der Autobahn vorbei an München verbracht hatten. Ich habs ja vorher gesagt
Grüße,
Bastian