19.7.2025
Tell me it'll be okay
I'm shaking, heart is racing
Can you break me out?
Help me break these chains around my feet
And I'll be finally running free again
(aus: "Trapped" von Amy McDonald)
Prolog
Ich hätte eigentlich gar nicht hier sein sollen, denn ursprünglich hatte ich mich für den Montafon-Arlberg-Marathon am 21.6. gemeldet, mich aber am Wochenende vorher dick erkältet und schweren Herzens wieder abgemeldet bzw. das Angebot angenommen, den Startplatz auf 2026 zu verschieben. Jetzt hängt für mich bei meiner weiten Anreise aus NRW immer Planung und Logistik dran, um eine Teilnahme überhaupt möglich zu machen. Nach einigen Tausch-Aktionen auf der Arbeit und der Genehmigung der obersten Instanz des Haushaltes, war mir dann die Meldung für den Swiss Alpine Marathon in Flims/Laax/Falera am 19.7. möglich. Alternativ wäre ein Wochenende später der Davos X-Trail möglich gewesen, aber den bin ich letztes Jahr schon gelaufen. Dann probieren wir doch 2025 wieder was Neues.
Direktlink
Ich bin Donnerstag nach der Arbeit losgedüst und war um 23:30 schlussendlich in Flims. Freitag erwartete mich bestes Wetter, nur durchaus für meinen Geschmack zum Sporteln schon ein paar Grad zu warm. Für heute steht nur Relaxen, Startbereich erkunden und Sightseeing auf dem Programm. Und mal mit dem Flemm-Express fahren und oben ein Ründchen wandern. Aber nur ein kleines. Und auf die Höhe Aklimatisieren geht so schnell eh nicht mehr. Muss der Flachländer halt so durch.
Guckt man sich die Strecke an fällt auf, dass anders als bei vielen anderen solcher Veranstaltungen, der Start-Ziel-Bereich außerhalb der Orte zwischen Flims und Laax am kleinen Sportzentrum Prau la Selva liegt.
Routenverlauf: Lag la Cauma - Flims - Stena Center - Foppa - Naraus - Segnes - Nagens - Sogn Martin - Fuorcla da Sagogn - Crap Masegn - Crap Sogn Gion - Falera - Laax Dorf - Laax Murschetg - Prau al Selva. Wer das Skigebiet gut kennt, findet hier zahlreiche bekannte Namen. Es gibt unterschiedliche Messungen für die Strecke - kumulativ sind es knapp 2000 Höhenmeter im Anstieg.
Die Sportstätte liegt etwas unterhalb der Bushaltestelle, ist heute aber nicht zu verfehlen.
Das habe ich so auch noch nie gesehen. Rechts und links vom Zieleinlauf darf gecampt werden. Wahrscheinlich eine genialte Stimmung heute Abend. Zu blöd, dass wir unseren Camper zwecks Fahrzeugtausch im April verkauft haben und der Nachfolger frühestens im Herbst eintrifft.
Startnummernausgabe. Hier ahnt man schon, dass das Event kleiner sein dürfte als andere schweizer Lauf-Größen wie Davos, Jungfrau oder Zermatt.
Für morgen liegt alles bereit, wobei der Start mit 9:30 Uhr fast schon untypisch spät für einen Bergmarathon ist. Da hätte ich möglicherweise auch so noch den Kram aus dem Schrank zusammengerafft. Aber das Problem ist ja eher, welche Socken man mit welcher Hose und welchem Shirt kombiniert, das kann Stunden dauern...
Am Rennmorgen. Ich bin entspannt ein Stündchen vor dem Startschuss mit dem Bus eingetrudelt (der löblicherweise irgendwas zwischen 4 und 6 Mal in der Stunde zwischen Flims und Laax verkehrt). Üblich bei solchen Veranstaltungen ist die Abgabemöglichkeit für einen Kleiderbeutel und ggf. Duschsachen für nach dem Zieleinlauf.
Bereits um 9 Uhr ist es unbewegt in der Sonne rumsitzend nach ein paar Minuten schon zu warm und man trifft sich im Schatten seine Ausrüstung sortieren. Verpflegungspunkte gibt es vier Stück auf der Strecke mit unterschiedlichen Abständen. Bei der Hitze habe ich in der Laufweste drei Trinkbeutel für insgesamt einen Liter, um die Passagen zwischen den Stationen ausreichend überbrücken zu können.
Kurz vor dem Start versammelt es sich locker, 217 Menschen stehen an der Linie. Ausgebucht ist die Veranstaltung nicht, ich frage mich, wie viele sie maximal zugelassen hätten.
Nach ein paar Metern bergab geht es auf unspektakulären Schotterstraßen durch den Wald am Cauma See vorbei, den man in vielen Prospekten findet. Für ein See-Foto muss man eine ganze Weile auf den richtigen Moment warten, er ist nämlich größtenteils eingezäunt, damit man Eintritt für die Badestelle kassieren kann.
Von unterhalb Flims geht es durch Wiesen und entlang eines kleinen Bachlaufs rückseitig von unten an das Parkhaus des Stena-Centers heran. Ein Gag des Veranstalters, dass man von Ebene -6 durch das Parkhaus läuft.
Am Eingangsbereich war direkt die erste Verpflegungsstatin nach nur 6km. Ich habe bis dahin trotzdem 1,5l weggekippt in Vorbereitung auf die Durchststrecke von fast 12km mit über 1200hm Anstieg bis zur nächsten Verpflegungsstelle, die aufkommende Mittagshitze immer im Nacken. Also schnell die Trinkschläuche wieder befüllt und auf den Wanderweg die Talabfahrt hinauf.
Wir gewinnen an Höhe und Aussicht und es stellt sich eine unangenehme Hitze ein.
Bei der Ankunft auf Foppa ist es bereits still um mich herum geworden, es wird wenig gesprochen. Alles in Sichtweite gehen im Moment. Für die steile Diritissima hinauf nach Nagens ist an Durchlaufen nicht zu denken, außer man gehört zur Weltelite.
Trinken 250ml alle ~2,5km. Tempo mache ich meist nach über zwei Dekaden Laufsport einfach nach Körpergefühl. Heute schiele ich aber gelegentlich mal auf die Garmin Uhr, um den Puls nicht über 170 ausbrechen zu lassen. Läuft man hier schon trocken, holt man das nicht mehr auf.
Kurzer Blick nach rechts zur ehemaligen Bergstation und den aufgegebenen Sektor Naraus.
Nach all dem steilen Anstieg hießt es jetzt erstmal wieder läuferisch etwas in den Flow kommen.
Der Segnesboden ist erreicht.
Hinter der EUB-Station vorbei geht es einmal durch die Steinwüste der aktuellen Geländekorrekturen zwischen den Baggern durch. Notwendig, aber gar nicht schön.
Ein kleines bisschen geht es abwärts.
Dann schlängelt sich der Weg nach rechts herum weiter nach oben gen Nagens.
Die sehnlichst erwartete Verpflegungsstation befindet sich an der Bergstation des Arena-Express. Ich exe nochmal 500ml Iso-Drink und befülle die Trinkschläuche.
Dann geht es hinein in das weite Hochtal. Mit dem sich immer weiter auseinanderziehnden Feld und dem sich wie angekündigt langsam zuziehenden Himmel wandelt sich die Stimmung auf der Strecke. Man fühlt sich zwischendurch fast einsam.
Als ich die Trasse der 2. Sektion der Vorab-Gondel kreuze und pflichtbewusst die Stützen für das Infrastrukturelle Neuigkeiten-Forum knipse, machen sich die ersten schwere in den Beinen langsam bemerkbar.
Das ist der eigentliche Gipfel des Crap Masegn. Die Gleichnamige PB-Station liegt dahinter etwas unterhalb auf dessen Rücken. Jetzt geht es erstmal gut laufbar den Trail am Hang entlang.
Fast schon flowig.
In der Ferne kommt die Station Crap Masegn in Sicht.
Erneut darf die Schönheit einer alpinen Baustelle durchlaufen werden.
Danach beginnt nun der laaange Abstieg. Erstmal über die wenig attraktive Schotterstraße hinab zum Crap Sogn Gion.
Gleich da.
Vorher darf erneut die absolute Schönheit der Umgebung genossen werden. Dieses Mal ist es die Lagerstätte der Elemente des Snowparks.
Die Station Crap Sogn Gion ist auch ohne Baustelle keine Schönheit.
Kurz davor hat die Brauerei Chopfab noch eine Probierstation für ihre Produkte aufgebaut. Der Ruhrgebietler in mir ist hoch erfreut. Die Kohlensäure der schnell heruntergestürzten zwei Probierportionen verursacht augenblicklich ein unangenehmes Drücken im Oberbauch. Wie dumm willst du heute sein? Antwort: Ja!
Die Strecke verläuft über die Terasse.
Der Verpflegungspunkt ist drinnen aufgebaut. Ein wenig peinlich berührt die Bierkohlensäure ausrülpsend schaffe ich Platz für die dringend benötigte richtige Verpflegung.
Der alte vonRoll-Curnis-Sessel. Im Sommer zum Durchlaufen jetzt alles keine Schönheit.
Und dann geht es in den steilen Downhill hinab nach Lax. Das ist im hinteren Drittel des Rennens nicht nur eine muskuläre Herausforderung, sondern auch eine koordinative, hier noch so sauber und konzentriert zu laufen, um nicht umzuknicken oder zu stürzen.
Zwischendurch hats dann mehr Gemüse als Weg. Beim Auslauf über die flachen Wiesen oberhalb von Flims habe ich keine Fotos gemacht. Im Dorf liegt dann der letzte Verpflegungspunkt vor dem Ziel.
Über einen zur Abwechslung mal ganz schönen Trail geht es weiter nach Laax.
Das Dorf kommt in Sicht.
Bevor der See erreicht war, ging es erneut zur Baustellenshow entlang der Dorfstraße. Wie der Veranstalter auf die Idee gekommen ist, die Strecke über den Hauptweg entlang des Sees zu führen ist mir Schleierhaft. Es ist so voll, das man sich im Slalom und über die Wiese irgendwie durchwurschteln muss. Die Seegäste können ja nichts dafür und auch geht es hier ja um keine Weltmeisterschaft, man darf schon auch als Läufer mal Rücksicht walten lassen. Aber bei km 39 ist die körperliche wie vor allem auch die mentale Kapazität etwas reduziert, um in seinem eigenen kleinen Tunnel noch auf hervorspringende Kinder zu achten. Die schweizer Läuferin vor mir regt sich unüberhörbar über den Veranstalter für diese Streckenwahl auf.
Dann verschwimmen ein bisschen meine detaillierten Erinnerungen. Es geht irgendwie weiter über einen Waldweg und dann später quer durch das RockResort.
Und irgendwann taucht es dann einfach zwischen den Tannen auf - Prau la Selva und das Ziel. Jetzt macht sich die abgelegene Lage sehr negativ bemerkbar. Es fehlt die sonst so erhabene Atmosphäre, wenn man auf einem zentralen Platz im Dorf oder ähnlichem bei bunt gemischtem Publikum einlaufen darf. Schade. Immerhin gibt es nochmal etwas Verpflegung und Duschen.
Nicht zu vergessen den Kinderspielplatz mit der Rutsche. Ich bin allerdings doch etwas wackelig, als ich den Turm dafür erklimme. Einmal reicht heute. Ab unter die Dusche!
Bild vom Fotodienst des Veranstalters.
Nach 6:44:22 war ich im Ziel. Sowohl Zermatt als auch Davos bin ich in unter 6h gelaufen. Zeiten zwischen Trail-Läufen lassen sich allerdings nicht vergleichen. Bei gleicher länge sind die Strecken was Höhenmeter und Wegbeschaffenheit angeht, ja sehr unterschiedlich. Und mit Platz 60 von 139 gefinishten Männern habe ich mich im Gesamtklassement auch in mein sonst übliches solides Mittelfeld eingeordnet. Am Ende ist mir die Platzierung aber wenig wichtig. Unverletzt, gesund und mit Spaß an der Herausforderung anzukommen, ist das Wichtigste.
Mein persönliches Fazit:
Die Strecke hatte ihre schönen Elemente, aber insgesamt steht sie weit hinter Davos oder Zermatt zurück. Man läuft viel zu viel irgendwo am Rand oder durch das Skigebiet und dieses Jahr auch noch durch zahlreiche Baustellen. Alles nicht schön und unnötig für eine Traillauf-Veranstaltung. Zur Lage des Start-Ziel-Bereichs habe ich mich ja schon geäußert. Ein Unding bei 130 Franken Startgeld finde ich, dass es im Ziel keine Finisher-Medaille als Erinnerungsstück gibt. Ist mir in der Form noch nie untergekommen.
Der SwissAlpin fand früher in Davos statt. Ich weiß nicht ob es stimmt, eine Schweizerin erzählte mir auf der Strecke, es hätte vor Jahren Streit im Orga-Team gegeben, woraufhin Davos den Marathon seit Jahren selbst erfolgreich unter dem Namen X-Trails veranstaltet. Die Marke SwissAlpin zog mit ihrem Marathon ein Jahr nach Chur, dann fand er einige Jahre gar nicht mehr statt und 2025 gab es ihn nun erstmalig in Flims. Im Nachhinein muss ich sagen: Ich wäre lieber ein zweites Mal in Folge den Davos X-Trail gelaufen als den SwissAlpine in Flims. Spaß hatte ich trotzdem, aber ich glaube nicht, dass ich hier irgendwann ein zweites Mal starten werde.
Trotzdem geht der Dank an die vielen vielen Ehrenamtlichen, die als Streckenposten, Verpflegungshelfer usw. eine solche Veranstaltung überhaupt erst möglich machen und für das freundliche Lächeln auf der Strecke sorgen.