Heute müssen wir den Camper nicht bewegen, wir starten von unserem Übernachtungsparkplatz in der Nähe der Pralongia-Talstation nach ausgiebigem gemütlichem Frühstück.
Ein Winterwanderweg dient als seichter Einstieg in T's neue Welt des Tourengehens. Das Ziel ist sogar identisch - die Pralongia Hütte. Nur steigen wir dieses Mal aus der entgegengesetzten Richtung auf und nicht aus St. Kassian.
Das Wetter könnte besser nicht sein und die Winterlandschaft unterstützt mich mit ihrer Optik fabelhaft darin, diese Form des Wintersports in unserer Urlaubsplanung weiter zu etablieren.
Der Schnee wird von dicken Reifkristallen geziert. Die obersten 20cm sind absolut trocken und staubig, dass sich kein Schneeball daraus formen lässt. Mein spontaner Kurzvortrag über sich daraus ergebende Gafahrenmuster in der Lawinenkunde zündet jetzt nicht unbedingt direkt durch...
Der Wald öffnet sich langsam.
Rückblick - mittig im Hintergrund das obere Edelweißtal.
Mein Plan ist ja das schrittweise etablieren des Variantenreichtums des Tourengehens und so verlasse ich im lichterwerdenden Wald irgendwann den Weg und ziehe unsere eigene Spur durch die Landschaft. Kurzzeitig bin ich mir nicht sicher, ob sich in meinem Rücken eher stille Faszination oder Langeweile einstellt.
Die Marmolada hüllt ihren Gipfel in Wolken. Auf den Graten weht es ganz ordentlich.
Wir kommen etwas oberhalb des noch nicht aufgebügelten ... äh ... -getellerten Incisa aus dem Wald. Ein Splitboard von Aufstieg auf Abfahrt umzubauen dauert etwas länger als bei Tourenski. T ist zuversichtlich, dass sie das auch so schafft. Ich habe sie in einer Dekade noch nie auf Ski gesehen, aber zu meinem Erstaunen pflügt sie sich solider hinab als mancher Holländer in Winterberg. Auf einem geteilten Splitboard mit aufgezogenen Steigfellen wohlgemerkt. Kugeleinlagen führen zu erfreulich herzhaften Lachern.
Die letzten 250 Höhenmeter Aufstieg nutze ich zur Einführung in etwas steileres Gelände. Wir folgen der Schleppspur hinauf und schlagen die ersten Kehren. Das letzte Drittel ist unangenehm, über das Plateau fegt ein kalter Wind, die Schneedecke ist abgeblasen und harschig. T flucht vor sich hin...
... und jubelt, als hinter der letzten Kante mit einem Mal die Hütte vor uns auftaucht. Das erste Mal im Kleinen die Simulation von der erlösenden Freude der Ankunft und wie die Mühen des letzten Stücks in Stolz umschlagen.
Erneut legt das kleine Männchen in meinem Kopf die Fingerspitzen aufeinander und murmelt "Ausgezeichnet".
T bestellt euphorisch etwas das aussieht wie Eierlikör mit Espresso und Sahne. Es schmeckt auch so. Hier geht das wahrscheinlich klar, aber im Ruhrgebiet dürfte man sowas definitiv erst nach Überschreiten des 80. Lebensjahres bestellen, ohne der Kneipe verwiesen zu werden.
Das Erleben der einsamen Winterlandschaft wird unerhofft als phänomenal beschrieben. Ausgezeichnet...
Wie gestern schon stauen sich die Wolken von Norden am Alpenhauptkamm.
Zurück zu unserem Heim auf vier Rädern geht es über die Piste. Sie ist unattraktiv zur Eisfläche beschneit wordem. Ich erwähne ganz kurz, dass bei zukünftigen Touren dann vielleicht Geländeabfahrten auf uns warten würden.
Die erste Stunde nach dem Skiende ist bereits routiniert und eingespielt. Warmwasser und Innenraum hochheizen, währenddessen möglichst viel vom Equipment direkt wieder in den Staufächern und Gepäckboxen verräumen, Ski und Board am Heckträger festzurren, auf der Fläche von gefühlt zwei DIN A4-Blättern in einer engen Plastikkabine duschen mit gerade so viel Wasser wie unbedingt nötig und dabei regelmäßig Rochaden umeinander herum unternehmen weil der andere immer genau da steht, wo man gerade hin will. So einen Urlaub zu verbringen muss man wollen und ist sicher nicht für jeden geeignet, gerade zu zweit. Ich würde wenig tiefenentspannten Paaren davon abraten.
Nachdem wir das Splitboard zum Verleiher in La Villa zurückgebracht haben, fahren wir in den frühen Abend hinein das Pustertal hinab zur erfreulich leeren Brennerautobahn. Das Outlet oben am Pass wird im Vorbeifahren mit einem kurzen "Überbewertet" links liegen gelassen. Der Abstieg zum Inntal wird von Nebelbänken und vereinzelten Schneeflocken gesäumt. Mit dem Lichtermeer von Gries kommt glatt Romantik auf. So langsam geht es dem Urlaubsende entgegen.
T befindet unterwegs, dass alle Tage schön, der normale Ski/Snowboardtag auf der Sella Ronda aber der am wenigsten reizvolle gewesen sei und bittet darum, den letzten Tag nicht damit zu planen. Ich hatte ursprünglich die Wiederholung einer Nacht von Ende November auf einem Parkplatz vor einem Gewissen Haus in Lech in Erwägung gezogen, aber mich hatten sowieso vorher schon Signale erreicht, dass dieser am Wochenende anderweitig belegt sein wird.
Legale Plätze zum freien Stehen sind im tiroler Oberland relativ spärlich gesäht. Kurzentschlossen rufe ich in dem Hostel oberhalb von See im Paznaun an, wo ich auf anderen Reisen bereits übernachtet hatte und frage, ob sie uns auch ein Stückchen von ihrem Parkplatz vermieten. Wir dürfen kommen und erfreuen uns an einer ähnlich spektakulären Aussicht auf das nächtliche Inntal wie zuvor auf Corvara.
Und dann klingt der Tag wieder mit einer dieser kleinen zufälligen Anekdoten am Wegesrand aus. Nachdem wir um 20:00 am Hostel angekommen sind und noch kurz zum Hallosagen nach der Besitzerin im Haus suchen, finden wir sie im Keller, wie sie gerade in ihrem Fundus nach einem alten Snowboard und Schneehosen für zwei Gäste aus Tunesien sucht. Die beiden erzählen uns auf Englisch, dass sie für eine deutsche Firma arbeiten und nun für eine Veranstaltung in der münchener Firmenzentrale zum ersten Mal ihr Heimatland verlassen haben. Nachdem sie in den Bergen Tunesiens bisher ein einziges Mal Schnee gesehen haben, waren sie wild entschlossen, eine Woche Urlaub in den Alpen zu verbringen und Snowboarden zu lernen. Über AirBnB hatten sie das Hostel gefunden und sich auch bereits darüber informiert, dass es 2,5km von der Bushaltestelle bis dorthin sind. Lachend erzählen sie uns, wie sie sich männlich naiv einig waren, dass sie das zu Fuß spazieren würden. Mit ihren Großen Koffern der vorangegangenen Dienstreise ... in der Kälte, im Schnee ... ohne Winterkleidung 2,5km ein kleines, wirklich unablässig steiles Sträßchen hinauf zum Weiler Rauth. Ihre Gastgeberin hat sie irgendwann erlöst und mit dem Auto eingesammelt. Mit viel Selbstironie erzählen die beiden lachend, dass nach diesem Auftakt sie höchste Erwartungen an ihren ersten Snowboardtag haben und sich bereits im Internet belesen haben, wie man sich beim Stürzen am besten verhält um sich nichts zu brechen. Ich glaube, ich muss morgen Abend anrufen und nachfragen, wie es den beiden ergangen ist.
To be continued.